Mit Amina haben wir dieses
Jahr einen neuen Versuch gestartet: die hebräisch-arabische Kommune wird
um ein deutsches Mitglied erweitert. Wir sind noch nicht sicher, dass dies gut geht.
Aber bis jetzt – toi-toi-toi...
Der untenstehende Bericht ist von Amina,
sie ist 18 Jahre alt, hat soeben ihr Abitur bestanden und hätte eigentlich
schon am 10. August landen sollen. Aber der Krieg und die heftige Bombardierung
von Haifa hat ihre Ankunft verzögert.
Photos von Amina und von
der Kommune befinden sich hier
Liebe Freundinnen
und Freunde,
Schon ist ein weiterer
Monat vergangen, seit ich Euch zum ersten Mal von meinem Aufenthalt und meiner
Arbeit hier in Israel berichtet habe. Nun hier also mein zweiter Bericht von „Nemashim“, unserer arabisch-jüdisch-deutschen
Theaterkommune aus Haifa. Es war ein turbulenter Monat mit vielen neuen
Herausforderungen, Ansprüchen, mit Höhen und auch Tiefen, mit
schönen und weniger schönen Erfahrungen, mit großen und vielen
Aufgaben, mit viel Stress, so manchen Tränen und dennoch auch mit wunderbaren
und sehr erfüllenden Momenten. Es war und ist noch vor allem der Monat der
Theaterarbeit. Während ich den September zum Einleben, Eingewöhnen,
Zurechtfinden, Umschauen und Orientieren nutzen konnte, bin ich nun vollends
angekommen, hier in meinem neuen Zuhause und dem damit verbundenen Alltag, der
zwar immer neues in sich birgt, mir in vielerlei Hinsicht aber auch schon sehr
vertraut ist.
Lasst mich Euch also
erst ein wenig berichten, von dem ganzen Theater, das hier zur Zeit in jeder
Ecke stattfindet, manchmal leicht, manchmal schwer in der Luft liegt und
welches uns alle zusammengeführt hat und es schafft, uns immer wieder aufs
Neue zu verbinden, besonders immer gerade dann, wenn andere Dinge uns zu
spalten drohen.
Anfang Oktober haben
wir auf dem Theaterfestival in Akko teilgenommen. Akko ist eine alte Kreuzfahrerstadt, deren alte Ruinen
heute traumhafte und gut bespielbare Theaterkulissen bieten. Sie liegt
malerisch direkt am Mittelmeer und war über Jahrtausende der
umsatzstärkste Hafen Palästinas. Die Altstadt Akkos
wird heute hauptsächlich von der arabischen Bevölkerung bewohnt und
wie auch Haifa, der Stadt in der wir leben, wird auch Akko
nachgesagt, dass das Zusammenleben von Arabern und Juden hier besser
funktioniere als in anderen Städten Israels.
Als
Straßentheatergruppe haben wir einen Tag lang die mit Menschen
bevölkerten Straßen bespielt. Überall waren Bühnen
aufgebaut, zu jeder Zeit gab es Musik, Kleinkunst, natürlich jede Menge
Essen vor allem aber eines: Theater.
„The
Wolfsland“ hieß unsere Szene, im Deutschen „Wolfsland“. Or hat sie geschrieben, sie ist ursprünglich in der
Stückentwicklung zu unserer sehr eigenen Version von „Hänsel und
Gretel“ entstanden (doch dazu später), wir waren aber allesamt so
begeistert von der Szene an sich, der Idee dahinter und der klaren Kritik, dass
wir beschlossen haben, sie von „Hadi und Tami“ zu entkoppeln (den Kindern wäre sie schlecht
zuzumuten gewesen), sie dafür aber in Akko als
Straßentheaterszene hautnah aufzuführen, wenn möglich etwas mit
ihr zu provozieren und Reaktionen und somit Auseinandersetzung bei den Menschen
hervorzurufen.
The „Wolfsland“ ist eine deutliche Anlehnung an
das uns allen bekannte „Rotkäppchen“, gleichzeitig aber eine scharfe und
sehr zynische Kritik an der israelischen Medienlandschaft, die überwiegend
Hand in Hand mit der israelischen Regierung und somit auch der Armee arbeitet
und Kriegshandlungen durch geschickte rhetorische Verpackung und zum Teil
hinterhältige Manipulationen zu legitimieren versucht und darin in den
meisten Fällen auch erfolgreich ist, so dass ein Großteil der
Bevölkerung alles glaubt was er zu hören, sehen und zu lesen bekommt.
Wie im Original geht
es um den Wolf, der Rotkäppchen und seine Großmutter auffrisst und
somit eindeutig einen Mord begeht. Unsere Szene beginnt mit drei Reportern des
israelischen Fernsehens (Khaled, Ahmad und Or), die
nach guten und reißerischen Bildern heischend vor dem Tatort stehen und
der Bevölkerung berichten, dass ein „Wolf“ ein „Rotkäppchen“ und
seine Großmutter aufgegessen habe und dass sich dramatische und
schreckliche Szenen abgespielt hätten. Mit der Zeit tauchen ein
Zuständiger der israelischen Armee (Daniel), ein israelischer Politiker (Amina) und ein rechtsgerichteter (hier: nationalistisch,
gegen eine Zweistaatenlösung) Fußballfan (Renana)
auf und die ursprüngliche Nachricht über den Mord an einem
„Rotkäppchen“ wird mehr und mehr relativiert und verfälscht. Zuerst ist Rotkäppchen
schuld, dass sie sich hinter einer unschuldigen Großmutter versteckt und
dann vom Wolf hat töten lassen, um den Ruf des „Wolflandes“ zu
schädigen. „Wolfsland“ ist somit attackiert worden und der Wolf hatte gar
keine andere Wahl, als sich zu verteidigen und Rotkäppchen zu töten.
Die Armee beschuldigt die Rotkäppchen, die sich hinter unschuldigen
Großmüttern versteckt haben, des Terrorismus. Man drückt
Bedauern über den „Selbstverteidigungsakt“ aus, entschuldigt sich aber
nicht. Es folgt eine Demonstration der
„Rotkäppchen“ in der sie ausdrücken, dass sie den Tod ihresgleichen
rächen werden. Ein israelischer Fußballfan tritt auf und schreit,
man solle alle „Rotkäppchen“ töten. Ein Politiker gibt zu bedenken:
Vielleicht gab es gar keine Großmutter und kein totes „Rotkäppchen“,
also auch keinen bösen Wolf. Nichts ist passiert. Ein Gerücht ist
verbreitet worden, um den Ruf des „Wolflandes“ zu schädigen. Es gibt
nichts zu entschuldigen.
Ich hoffe ihr habt
bemerkt: Ich habe sowohl die Rotkäppchen, als auch den Wolf in
Anführungsstriche gesetzt. Im Märchen an sich stehen und agieren die
Figuren für sich allein, in unserer Szene haben wir sie natürlich
sehr plakativ und vereinfacht benutzt, um über sie eine Nachricht zu
transportieren, eine politische Aussage damit zu verknüpfen, Fragen
aufzuwerfen, zu provozieren und Reaktionen hervorzurufen.
Gerade nach den
jüngsten Ereignissen im Libanonkrieg im Sommer, aber auch nach
unzähligen anderen Ereignissen und Vorfällen in den letzten Jahren,
in denen den Medien eine unglaublich große Rolle der Stimmungsmache,
einseitigen Berichterstattung und Propaganda zukam, hat Or
all dies aufgegriffen und zu einer Szene verarbeitet, in denen die Israelis als
„Wölfe“, und die Palästinenser und Libanesen als „Rotkäppchen“
dargestellt werden.
Einen besten
Eindruck bekommt ihr aber, wenn Ihr euch die Szene selbst anseht. Unter: http://www.mideastweb.org/nemashim à Videoclips à „Akko“ könnt
Ihr euch selbst ein Bild machen.
Da wir sehr
unmittelbar an den Menschen für die wir gespielt haben dran waren (wir
haben uns immer einen Platz ausgewählt und einfach direkt zu spielen
bekommen), haben wir natürlich auch vielfältige und
unterschiedlichste Meinungen zu hören bekommen und aufschnappen
können, die von nachdenklich, über begeistert, bis zum
Kopfschütteln und zur Empörung alles enthielten. Am
einprägendsten war für mich der eine Satz einer Zuschauerin,
der sowohl Erkenntnis, als auch Entsetzen implizierte: „Wir sind die
Wölfe“. Einige gute Reaktionen haben uns auch per Email erreicht, die ich
Euch nicht vorenthalten möchte:
Eine Reaktion aus
Kanada:
”Guerrilla theatre in the belly of the
beast“
Dear Friends: Harvard professor-turned Canadian Liberal
politician Michael Ignatieff
did not “lose sleep” over the
Qana massacre, which he characterized as a “war crime”, that did not
prevent him from remaining a “friend of Israel”. Theatre artists
in Akka commemorated the Qana massacre
using the format of an Israeli (“Wolfland”) news
report about Little Red Riding Hood.Thanks to Uri Shani. Regards, Henry Lowi
Liebe
Freunde: Der Harvard-Professor und spätere liberale Politiker Kanadas
Michael Ignatieff konnte auch nach dem Massaker in Kana, welches er zwar als „ein Kriegsverbrechen“
bezeichnete, immer noch ruhig schlafen
und es hielt ihn nicht davon ab zu betonen, er bleibe ein Freund Israels.
Theaterkünstler haben in Akko an das Kana-massaker erinnert in dem sie das Format israelischer
Nachrichten nutzten um die Geschichte Rotkäppchens und des Wolfes zu
erzählen. Danke an Uri Shani. Grüße,
Henry Lowi
Es war nicht unsere ausdrückliche Absicht, die Geschehnisse um das Kana-Massaker darzustellen, aber im Prinzip trifft es dieser jüngste furchtbare Vorfall, in dem im August in einem libanesischen Dorf 57 Menschen durch einen gezielten Angriff der israelischen Armee ums Leben kamen, darunter mindestens 37 Kinder sehr gut. Die Armee drückte damals Bedauern aus, beschuldigte aber die Hisbollah dieses Verbrechens, sie benutze ja schließlich die eigene Bevölkerung als „menschliche Schutzschilder“ und sei damit schuld daran, wenn die israelische Armee ihre Stützpunkte beschießen müsse. Viele ähnliche „Vorfälle“ sind auf unsere Szene übertragbar.
Eine weitere Reaktion “Smart and charming!! I enjoyed
very much. Thanks u Uri”
Bilha
Die Vorbereitungen
für Akko waren sehr vielfältig und sehr
anstrengend, da wir gleichzeitig mitten in den Proben zu “Hadi
und Tami” steckten und somit zwei parallele
Produktionen zu bewältigen hatten. Innerhalb von einer Woche haben wir
Wolfsmasken aus Gips hergestellt (für Daniel, Renana
und mich als Vertreterinnen des „Wolfslandes“), Kostüme zusammen gesucht
und hergestellt, Requisiten zusammen gesucht und natürlich viel geprobt.

Daniel und ich mit
unseren Masken
Diese
Proben fanden vor allem in unserem neuen „Probenraum“ statt, wir nennen ihn
wahlweise „Hirbe“ (alt) oder „Falafelstore“.
Es ist eine alte Wäscherei in unserer Straße, die vor einigen Jahren
abgebrannt ist. Nur noch die Mauern stehen, ansonsten ist alles zerstört
und voller Ruß, aber wir haben einen der Räume gesäubert und
müssen von nun an nur die Straße überqueren, um Szenen zu
proben oder große Bühnenbilder zu bemalen.
Akko war für uns alle eine tolle Erfahrung,
weil wir unsere Arbeit direkt und unvermittelt einer großen, aber eben
nicht ausgewählten sondern durchmischten Öffentlichkeit darbieten
konnten und gleichzeitig auch die unmittelbaren Reaktionen miterleben konnten.
Gerade im Rahmen dieses wunderbaren Festivals war es toll, einen kleinen
Beitrag zu leisten, zum Theatergeschehen und vor allem um Theater und Politik,
Theater und Kritik und Theater und Gesellschaft miteinander zu verknüpfen.
Nachdem wir
insgesamt fünf mal an verschiedenen Orten auf dem Festival gespielt
hatten, haben wir uns anschließend von der guten Stimmung auf dem
Festival anstecken lassen und unseren ersten erfolgreichen Theatertag gefeiert,
auch wenn es mit Sicherheit nicht die letzte Aufführung von „Wolfsland“
gewesen sein wird. Hier ein paar bildliche Eindrücke:

Auch Danielle, Hila
und Michael aus der „alten“ Kommune haben uns geholfen. Hila
und Danielle als protestierende Rotkäppchen, Michael als fleißiger
Kameramann.
Wie ich oben schon
erwähnt habe, war die Szene „Wolfsland“ eher ein „Nebenprodukt“ von „Hadi und Tami“, das ich Euch ja
im letzten Rundbrief schon etwas vorgestellt habe. Es soll unsere erste
große gemeinsame Produktion werden, ein Kindertheaterstück für
die Bevölkerung im jüdischen Viertel Neve Yossef und dem
arabischen Viertel Halissa.
Ja, nächste
Woche wird Premiere sein und wie Ihr euch sicherlich alle vorstellen
könnt, sitzen wir auf heißen Kohlen. Es gibt noch Unmengen zu tun
und zu erledigen und vor allem zu proben und auszuprobieren, dass wir seit
einer Woche mit fast nichts anderem mehr beschäftigt sind. Kein Tag
vergeht, an dem wir nicht Leinwände zu einem geeigneten Bühnenhintergrund
zusammennähen und sie anschließend bemalen, Kostüme zusammen
suchen und anprobieren, Requisiten besprechen und auswählen, vor allem
vergeht aber kein Tag ohne zu proben.
Jeden Tag treffen wir zur Zeit Shadi oder Uri, der Text des Stückes steht nun
endlich, den Text haben wir überwiegend drauf, jetzt feilen wir am
Gesamtbild, einzelnen Szenen, den Charakteren und an anderen wichtigen Details.
„Hadi
und Tami“ (Hadi- arabisch
Hänsel, Tami- hebräisch Gretel) ist im
Laufe unserer sechswöchigen Arbeit als eigene Stückentwicklung
entstanden. Als Vorbild galt uns natürlich „Hänsel und Gretel“, aber
sowohl die Ideen und den Text haben wir gemeinsam durch Improvisation und viele
Gespräche, vor allem aber durch viel und langes Ausprobieren erarbeitet.
Und mal wieder ist es überwiegend Or gewesen,
der alle Ideen, guten Vorschläge, alle improvisierten Szenen
zusammengefasst und zu einem runden, witzigen und pointierten Stück
zusammen geschrieben hat, das mit Sicherheit den Kindern genauso viel
Spaß, wie den Eltern Stoff zum Nachdenken geben wird.
Ja, es wird auch
wieder in gewisser Hinsicht ein politisches Theaterstück sein, das wir
nächste Woche Dienstag zum ersten Mal auf die Bühne bringen werden.
Jede/r wird es sehen und verstehen können wir er/sie es mag, ob nun
einfach „Hänsel und Gretel“ als schönes Kindermärchen, oder eben
„Hadi und Tami“ als eine
überspitzte Parabel auf die hiesigen politischen Zustände und
Machtverhältnisse.
Tami (Daniel) ist Jüdin und Hadi (Khaled) ist arabischer Abstammung. Ihr gemeinsamer
Vater Muhamad ist ein arabischer Intelektueller
(Ahmad), die Stiefmutter Hilary (Amina) ist mit Leib
und Seele Amerikanerin.
In der ersten Szene
streiten sich Hadi und Tami,
gemeinsam auf der Couch sitzend, um die Fernbedienung. Der Fernseher geht
kaputt, der Vater erklärt den Kindern liebevoll, dass nicht mehr genug
Geld im Haus ist, um ihn zu reparieren. Nun wird über den Kopf des Vaters
hinweg weitergestritten, Tami motzt und meckert,
weint und kokettiert auf hebräisch, Hadi
schreit, wütet und intrigiert auf arabisch. Der Vater ist unfähig den
Konflikt durch seine Worte zu lösen, also schreit er laut nach seiner
Frau, die mit einer Flut an negativer Energie, Aggressivität, Neurotik und Härte die Situation löst: Durch
Gewaltanwendung zwing sie die beiden zu einem Frieden, der keiner sein kann,
weil er ein erzwungener und nur sehr halbherziger ist, aber sie ist zufrieden,
übergibt Tami die Herrschaft über das Sofa,
während Hadi nur das Stehen in der Ecke bleibt.
Sollte er sich bewegen, weiß er, dass ihn Schläge erwarten.
Hilary intrigiert nun weiter, überredet
den Vater, die Kinder in den Wald zu führen und dort zu „verlieren“.
Natürlich kann sie ihn mit allen Tricks und Mitteln überzeugen, die
Kinder verlieren sich im Wald, Hadi hat das
Gespräch der Eltern belauscht, hat also den Weg über Brot gestreut,
das Tami allerdings vor lauter Hunger und Eigennutz
aufgegessen hat. Sie sind verloren, finden dann aber eine Karte, die Hilary
ihnen mitgegeben hat („Road Map“) und können
sich natürlich über die Auslegung der Karte nicht einigen. Sie kommen
zum Haus der Hexe, die einen Pakt mit der Stiefmutter geschlossen hat und
dafür finanzielle Zuschüsse enthält. Zusammen mit der
gehorsamen, treu ergebenen Katze "Gertrud“, die ohne zu denken und aus
eigenem Wunsch eine wichtige Funktion zu haben lediglich ausführt ohne zu
hinterfragen, sperren sie Hani ein und wollen ihn gemeinsam verzehren.
Natürlich ist das Ende in unserem Stück gut: Der Vater kommt, die
Hexe brennt im Ofen, Gertrud wandelt sich zum guten und Hadi
und Tami sind glücklich vereint.
Aber muss ich Euch
erklären wo da, leider abgesehen vom Ende, die Parallelen zum politischen
Gestern und Heute sind?
Ja, das ist zur Zeit
das Projekt, in welches wir die meiste Energie, Zeit, die meiste Kraft und auch
Liebe investieren. Ich denke es wird ein buntes Stück werden, ein
witziges, dynamisches und spannungsreiches Stück für die Kinder, aber
auch anstrengend, denn die drei Sprachen (arabisch, hebräisch, englisch)
werden Konzentration einfordern, Hadi und Tami aber werden es aber hoffentlich immer wieder schaffen,
sie durch viele Gesten und abwechslungsreiche Mimik mitzunehmen, auf das
Abenteuer dieser zwei Kinder. Und wer weiß, vielleicht nehmen ja auch die
Eltern am Ende des Abends so den ein- oder anderen Gedanken mit nachhause?
Hadi und Tami
Einen weiteren sehr abwechslungsreichen Tag hatten wir im
Gemeinschaftszentrum in Neve Yossef
(„Matnas“), an dem wir an einem Kinderfest als
verkleidete Statuen für Unterhaltung und Spaß und vor allem
theatralische Unterhaltung gesorgt haben, auch, um die Kleinen auf die bald
startenden Theatergruppen in der Matnass aufmerksam
zu machen. Es war ein anstrengender aber auch sehr schöner und lustiger
Tag. Zusammen mit Danielle und Hila
aus der alten Kommune, haben wir uns einen
ganzen Vormittag mit Verkleiden und Schminken selbst beschäftigt und daran
allein schon Unmengen an Spaß gehabt.
Zusammen mit den Kindern hatten wir dann einen
tollen Tag, an dem wir zusammen getanzt, gespielt und gelacht haben.
Seit diesem Tag kann
keine/r von uns, der
an diesem Tag
verkleidet mit den Kindern gespielt hat, auf die Straße gehen, ohne dass
er/sie erkannt und angesprochen wird.
:
Ja und ganz nebenbei
arbeiten wir nicht nur, sondern leben auch tagtäglich zusammen, haben
einen gemeinsamen Alltag, teilen Mahlzeiten, Freizeit und natürlich auch
jede Menge Gespräche und Gefühle miteinander. Und das ist alles
andere als einfach. Durch unsere sehr intensive Arbeit an den beiden
Theaterprojekten sind auch die Wochenenden, die normalerweise für das
nachhause fahren gedacht sind, weggefallen und so sind wir nun bis auf wenige
Tage schon wirklich für einen Monat hier zusammen, in unserer
schönen, aber doch sehr kleinen Wohnung. Die anfängliche Aufregung,
Umstellung und das Einleben sind einem Alltag gewichen, der sowohl
wunderschöne, als auch schreckliche und sehr unschöne Momente,
Erfahrungen und Konflikte hervorbringt, die auf der anderen Seite auch
nötig sind, denn nur durch die Auseinandersetzung lernen wir wirklich
voneinander und sind in der Lage, eine feste und gute Gruppe aufzubauen.
Aber es ist
anstrengend, manchmal nervaufreibend und manchmal auch schier zum verzweifeln.
Wir sind eine 3-Kulturen-Kommune und das wird mit jedem Tag hier mehr und mehr
deutlich, mit allen positiven, aber eben auch allen negativen Seiten.
Es wäre Unsinn,
Euch jetzt hier alle Probleme aufzuzählen, die wir im gemeinsamen Alltag
haben, ich bin sicher das eine- oder andere kennt jede/r selbst bestens. Aber
die unterschiedlichen Auffassungen, Weltanschauungen und kulturellen
Prägungen machen manche Kompromisse ab- und an fast unmöglich. Ja und
dann passiert auch mal das, was wir eigentlich
gerade hier, zwar im kleinen Rahmen, als weltpolitische Entwicklung so ablehnen
und zu bekämpfen versuchen: Das Gegeneinander der Kulturen, das sich
Abgrenzen und das einander bekämpfen und bekriegen, hier zwar nur mit
Worten, aber die können hart genug sein. Es gibt Machtkämpfe,
Verletzungen, Tränen, vermeintliche Gewinner und Verlierer, es gibt
Kriegserklärungen und halbherzige und herzliche Friedensabkommen.
Ja, manchmal gleicht
der Alltag hier, so schwer es mir auch zu schreiben fällt, wirklich einer
Front, an der sich Araber und Juden, Juden und Deutsche, Deutsche und Araber,
aber manchmal eben auch, es soll vorkommen, Männer und Frauen feindlich
gegenüber stehen. Umso schöner sind dann Konflikte bei denen es nicht
so ist, die gibt es natürlich auch- und man freut sich fast darüber,
nicht über den Konflikt an sich, dennoch aber die Tatsache, dass da Mensch
und Mensch zusammenhalten und nicht eben nur Jude und Jude oder Araber und
Araber.
Aber man bekommt ein
besseres Verständnis und Gefühl dafür, warum Weltpolitik so
verdammt schwer sein muss (was nicht heißt, dass ich damit einige der
aktuellen weltpolitischen Handlungen entschuldigen möchte), lediglich,
dass mir eines deutlich geworden ist: Wenn schon hier bei uns, in einer Gruppe
von sechs Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kompromisse, Veränderungen
und Einigungen soviel Kraft, Anstrengungen, Worte und Geduld kosten, wie und wo
soll da die Veränderung im Großen und vor allem mit welcher Energie
organisiert werden?
Aber wir wären
nicht wir, wenn wir es nicht immer wieder schaffen würden, Konflikte
beiseite zu räumen, Fronten zu klären und die richtigen Worte
für Verständnis und Entschuldigungen zu finden. Denn was uns
verbindet, hier, ist wirklich stärker, als das was uns trennt, in jeglicher
Hinsicht, und ich bin stolz darauf sagen zu können, dass wir immer wieder
als Gruppe zusammen finden, immer wieder neu anfangen und damit ein Stück
Weg weiter zusammen gehen. Und das kann ja auch zugleich Trost und Ansporn
für einen Kampf für bessere Verhältnisse in den weltpolitischen
Geschehnissen sein, auch wenn es dazu natürlich mehr braucht als nur Kraft
und Energie. Wenn wir mehr danach suchen könnten, was uns alle eint,
anstatt nach immer mehr Dingen zu suchen, die uns trennen, wertvoller oder weniger
wertvoll, richtig oder falsch, gut oder böse machen, wäre wir
vielleicht schon ein paar wesentliche Schritte weiter.
Und wenn uns hier
Diskussionen, Streitgespräche und Putzpläne nicht mehr weiterhelfen,
dann hilft uns oft eine Eigenschaft, die uns gottseidank
allen zu eigen ist: der Humor. Über alles kann man lachen und wenn man
zusammen lachen kann, dann ist alles nur noch halb so schlimm und man findet
immer jemanden, den man beschuldigen kann, ohne selbst schuld zu sein. Wir
haben dafür einen sehr eigenen Weg gefunden: Gäste werden immer
wieder mit unseren äußert effektiven fiktiven Haustieren und
Mitbewohnern konfrontiert, die wir im Laufe der Zeit erfunden haben: Rexi, unsere Hausziege sorgt auf arabisch, hebräisch
und deutsch in Küche, Bad und Klo mit Ermahnungen dafür, dass Wasser
und Strom gespart werden und möglichst jede/r seine Aufgaben erledigt
(alles in Form von Renanas Zeichnungen an der Wand), Bubsi, unser Hamster muss immer mal wieder Gassi
geführt werden, woran vor allem die Mädchen erinnert werden
müssen (sprich: die Haare müssen aus der Dusche entfernt werden) und
wenn ein Glas zerbricht, der Computer abstürzt, der Tisch kaputt geht oder
etwas unauffindbar ist, dann ist es Caspar, unser Hausgeist, der an allem, aber
auch wirklich allem schuld ist...
Vielleicht sollte
auch der Humor in der Politik eine größere Bedeutung bekommen, eine Rexi zumindest, könnte keinem schaden, einen Caspar
hat sich die Weltpolitik in vielerlei Hinsicht ja schon geschaffen.
Schöne und
wichtige Höhepunkte im Kommunenleben waren Khaleds Geburtstag und unsere
Fahrt nach Kefar Kassem,
einem arabischen Städtchen, nicht weit von Tel Aviv. Khaleds Geburtstag
haben wir im gemütlichen Kommunenkreis gefeiert: Mit Geburtstagsliedern in
vier Sprachen, mit viel Kuchen und einer schönen Geburtstagstradition: an
jeden die Frage: was war der Moment, in dem Khaled für Dich geboren wurde?
„Heute kann es regnen, stürmen oder
schneien...“
Nach Kefar Kassem sind wir gefahren,
da dort ein Gedenktag zum Massaker der israelischen Armee an 49 arabischen
Männern, Frauen und Kinder im Jahre 1956 stattgefunden hat. Wir haben an
diesem Tag viel über dieses schreckliche Massaker und die Versuche der
israelischen Armee, es zu vertuschen, gehört. Erst die kommunistische Partei
hat den Vorfall untersucht und die Fakten Wochen später an die
Öffentlichkeit gebracht.
Ein Lichtermarsch, zusammen mit Juden, Arabern und
internationalen Friedensaktivsten vom Gedenkmuseum bis zum Ort des Massakers bildete
den Abschluss des Tages, der durch die vielen schrecklichen Informationen ein
sehr schwerer, durch unsere gemeinsame und geeinte Teilnahme, Juden und Araber
zusammen, aber auch ein hoffnungsvoller und optimistischer Tag war.

Lichtermarsch durch Kefar Kassem
Im letzten Rundbrief
habe ich Euch schon von unserer geplanten Theatergruppe in Beit
Magenza, dem äthiopischen Gemeinschaftszentrum
berichtet. Am Monat werden wir dort unsere Arbeit endlich aufnehmen, die wir
einige Male verschieben mussten, weil Or krank war
und wir so nicht zusammen beginnen konnten. Am Montag ist es nun aber endlich
soweit und der Plan für die erste gemeinsame Theaterstunde steht in
Gedanken bereits und bald werde ich Euch mehr zu unserer wöchentlichen
Arbeit schreiben können.
Ein weiteres
für mich sehr wertvolles und wichtiges Projekt ist für mich in diesem
Monat hinzugekommen: Ich werde ab der nächsten Woche Mittwoch mit Michael
aus der vorhergehenden Kommune in einem arabischen Kindergarten einmal in der
Woche eine Theaterstunde für die 2-4 jährigen abhalten.
Wir waren gerade
heute dort, um die Kinder kennen zu lernen, uns vorzustellen und ein wenig von
der Atmosphäre mitzubekommen. Es war allein schon eine ganz wunderbare
Erfahrung, einfach nur Zeit mit den Kindern zu verbringen, zu basteln, zu
kneten und zu singen.
Und das alles mit
einer Kommunikation der besonderen Art: Die Kinder sprechen weder hebräisch noch englisch, nur
arabisch. Michael und ich sprechen beide englisch, ich ein wenig, er
natürlich sehr gut hebräisch, aber beide kaum arabisch. Die
Kommunikation findet also vor allem durch Gestik, Mimik und die sehr
freundlichen und liebevollen Erzieherinnen statt, die alle arabisch und
hebräisch sprechen.
Ich freue mich schon
darauf, wenn ich Euch bald mehr von dieser Arbeit berichten kann, die mir ein
großes Anliegen war und ist. Ich wohne in Halissa
und wollte auch hier, direkt mit der Bevölkerung arbeiten, was bisher
wegen der Sprache schwer zu realisieren war. Mit diesen Kindern aber, da bin
ich mir sicher, da wird die Sprache für eine tolle, lustige und einfach
wichtige Theaterarbeit gar keine Rolle spielen, denn wir alle werden so mit dem
Herzen dabei sein, dass wir diese Hürde locker lernen können. Und schließlich
wird auch unser Arabisch, dass wir Woche für Woche lernen Fortschritte
machen...
Nada
Es ist noch nicht so
lange her, dass Michael, Danielle und ich hier in Haifa auf dem „Shouk Laila“ waren, einem nächtlichen Flohmarkt, der
im Sommer jeden Samstagabend stattfindet.
Auf dem Weg dorthin
haben wir, wie wir es nennen, ein „halbes Leben“ gefunden: Reisepass, Briefe,
Bücher, Visitenkarten und vor allem unzählige Fotos einer Frau namens
Nada, die wohl Israelin gewesen sein muss oder noch
ist, aber aus Europa kam und Europa unzählige Male bereiste, Tschechisch,
Deutsch, Französisch, Englisch und Hebräisch scheinbar fließend
beherrscht(e. Wir wissen nicht viel über sie, aber genug, um neugierig
geworden zu sein und uns zu fragen, warum findet man Spuren eines solchen
Lebens des Nachts auf der Straße? Wir haben beschlossen: Wir werden einen
Kurzfilm über Nada machen, ihren Spuren folgen
und ihre Menschen und vielleicht auch sie selbst suchen und einfach ihren Weg
nachvollziehen. Alle nötigen Materialien stellt uns die Matnass zur Verfügung und wir sind schon aktiv mit der
Recherchearbeit und der Materialienordnung beschäftigt. Ihr seht, so
werden einem manchmal Ideen für Projekte im wahrsten Sinne des Wortes vor
die Füße geworfen...
Ich bin gespannt,
was ich Euch in einem Monat dazu werde berichten können.
Am 19.Dezember wird
hier der Frauentag gefeiert. Die Matnass organisiert
dazu eine Feier, für die wir um einen Programmbeitrag gebeten worden sind.
Ja, wenn ich dann abends
gerade am Frankfurter Flughafen landen werde, werden hier Danielle, Hila, Daniel und Renana ein
kleines Stück, eine Szene, oder ein Kabarett zeigen, an wir bald zu
arbeiten beginnen werden. Wir wollen Frauen auf die Bühne bringen, die
etwas verändert haben, etwas verändern wollten, durch Worte, durch
Taten oder auch nur durch ihre Art zu leben. Noch gibt es keine konkrete
Planung, wir werden sie erst nach „Hadi und Tami“ beginnen, aber auch dieses Projekt ist mir ein
großes Anliegen, auch wenn ich am Abend der Aufführung leider nicht
werde da sein können, so werde ich mich doch ganz aktiv einbringen, in die
Idee- und Stückentwicklung und vor allem auch in die Umsetzung. Bald also
auch hierzu mehr.
Dies und Das im
Monat Oktober
Aber auch abseits von
dem ganzen Theater hier, hatte der Monat Oktober kulturell eine ganze Menge zu
bieten. Es war vor allem der Monat des Films für uns alle: Das
internationale Filmfestival hat hier in Haifa stattgefunden, eine gute
Gelegenheit, sich viele gute und internationale Filme, darunter auch zwei
deutsche anzusehen. Im arabischen Viertel haben wir alle zusammen den Film „die
Kinder von Arna“ gesehen, eine Dokumentation
über Arna, die die Tochter einer Jüdin und
eines Palästinensers war, und in Jenin, einem
palästinensischen Dorf, Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen gemacht
hat. Ein sehr bewegender und aufwühlender Film, den ich Euch allen nur
sehr ans Herz legen kann.
Auch die syrische
Braut haben wir zusammen gesehen: Er zeigt die Problematik der israelisch-syrischen
Beziehung auf: Eine arabische Israelin heiratet einen Verwandten in Damaskus.
Der Tag der der glücklichste ihres Lebens werden soll, ist zugleich der
Tag des Abschiedes von ihrer Familie, für immer, denn mit dem Verlassen
israelischen Bodens verliert sie die israelische Staatsbürgerschaft und
somit das Recht, das Land erneut zu betreten.
Es sind nicht nur
die Filme, die mich sehr bewegen, sondern auch die Situation, dass wir sie
gemeinsam ansehen, Juden, Araber und Deutsche zusammen. Es ist etwas anderes,
in Wiesbaden im Kulturkino Caligari zu sitzen und
sich einen solchen Film anzusehen, als in Israel zu sein, schreckliche,
entmutigende und distanzlose Bilder über den Bildschirm flimmern zu sehen
und wenn das Licht angeht, mitten drin zu sitzen, in diesem Konflikt, zwischen
Juden und Arabern, dem man hier nirgendwo entkommen kann. Aber so schlimm es
manchmal auch ist, den Bildern nicht entkommen zu können, so schön
sind auch die Bilder, die sich fortsetzen, durch uns, durch unser Zusammensein,
durch eine weinende Daniel, die von einem Khaled getröstet wird, der
gerade seinesgleichen auf der Leinwand durch israelische Kugeln hat sterben
sehen, durch unser selbstverständliches und schönes Zusammensein
gerade und vor allem nach solchen spaltenden Bildern.
Ihr Lieben, ja, das
war der Monat Oktober. Ihr seht, es gibt hier viel zu tun und längst haben
wir noch nicht alles getan was wir wollen und können. Aber wir machen
weiter, mit vielen Ideen und mit viel gutem Willen!
Ich danke Euch allen
für Eure Unterstützung und auch für die lieben Briefe und
Emails, die mich erreichen, die Interesse, Neugier und Fürsorge
signalisieren.
Denn über all
meinen Beschreibungen und Erklärungen sollte ich eines nicht zu betonen
vergessen: Vieles in Deutschland fehlt mir, wenn auch vor allem und besonders
die Menschen und Freunde dort, und oft merke ich, dass ich aus einem Land
komme, dass so gänzlich anders tickt, als dieses hier, dass ich in so
manch seltenen Sekunden am liebsten auf der Stelle verlassen würde. Aber
dieser Wunsch ist sehr kurzlebig, denn dieses Leben in diesem Land ist jetzt
für ein Jahr meines und ich liebe und genieße es sehr.
Aber dennoch freue
ich mich über jede Nachricht aus der Heimat, über jeden lieben
Gruß und Gedanken!
Ich freue mich also
sehr von Euch zu hören! Wenn Ihr mögt schaut manchmal unter
http://www.mideastweb.org/nemashim
die Neuigkeiten unseres Projektes an, oder meine Fotos unter: www.noltagie.de.vu
Nach wie vor freue
ich mich auch über Anrufe und Briefe, an: Amina
Nolte, „Nemashim“, Yarden
Street 48, flat nr.2, HAIFA, Israel
00972-(0)48220200
oder Handy: 00972-(0)543068391
Alles Liebe,
Eure Amina
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