Nemashim

 Arabisch-Hebräische Theatergemeinschaft

Video-clips

 Photoalbum

arab-jewish theater community

Communauté de théâtre hébreux-arabe 

شباب يعيشون مسرح

palästinensisch-jüdisches Jugendtheater

ðîùéí - ðåòø îùç÷ ùìåí

 

 

 

Novemberbericht, „Nemashim“, Haifa

 

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Schon wieder ist das Monatsende in Sicht und ich möchte Euch einen kleinen Einblick gewähren, in unser Leben und unsere Arbeit hier in Haifa, in unserem jüdisch-palästinensisch-deutschen Theaterprojekt.

Die Zeit vergeht so schnell, und es ist kaum zu glauben, dass es schon ein Monat her ist, dass ich Euch das letzte Mal schrieb und berichtet habe.

Zu dieser Zeit waren wir mitten in der Endprobenphase und Vorbereitungszeit für „Hadi we Tami“, unserem kleinen dreisprachigen Kindertheaterstück.

Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, dass es von daher ein aufregender, voller, spannender und sehr sehr anstrengender Monat war, der uns allen viel abverlangt hat und jeden an seine eigenen Grenzen, aber auch die gesamte Gruppe an ihre Grenze gebracht hat. Zwei Wochen lang ist uns das Theater zu jeder Tages- und Nachtzeit förmlich „ins Gesicht gesprungen“. Jeder Raum, jeder Winkel unserer Wohnung war ausgefüllt mit Leinwand, Farbe, Plastikunterlagen, Pinseln, anderen Deko-materialien und vor allem Kostümen. In der gesamten Wohnung konnte man unsere Schritte nachvollziehen, die durch die Farbe auf unseren Füßen Spuren auf dem Boden hinterließ. Der Kühlschrank gähnte uns zwei Wochen lang leer entgegen, hauptsächlich haben wir uns von Fertigessen und dem Essen besorgter Eltern ernährt und es eben- ab und an mit dem Essen auch mal sein lassen. Wir lachten, unterhielten und stritten uns während wir die Leinwände bemalten, wenn wir duschten und zur Toilette gingen, waren wir im Kopf mit unserem Text und der Werbung für unser Stück beschäftigt, und selbst wenn wir gegen vier Uhr morgens ins Bett fielen, ließ uns das Stück nicht wirklich los, wir träumten von bösen Hexen, verpatzten Premieren, schwarzen Katzen und bösen Stiefmüttern. Ihr seht, hier haben sich Menschen getroffen, die zu Fatalismus neigen, wenn es um Theater geht.

Und damit meine ich sowohl die schönen, als auch die unschönen Seiten daran, denn es wäre unehrlich zu behaupten, wir hätten all dies mit Unmengen an Optimismus, Motivation und Perfektionismus getan. Nein, so war es nicht, und so wird es bei uns vermutlich auch nie sein: Mit dem Druck und dem Stress ist natürlich auch die Zahl der Streitigkeiten, der Verletzungen, der Tränen und der Wutanfälle stetig angestiegen. Das ständige notwendige Zusammensein und Zusammenarbeiten wurde oft zur Last, einem Rückzug in die Privatsphäre wäre ein im-Stich-lassen der Gruppe gleich gekommen. Also verkniff sich ein(e) jede/r seine Wut, seine Tränen und Vorwürfe, was die Stimmung allerdings nur ungleich besser machte.

Auch künstlerisch suchten wir die Konfrontation, ob nun miteinander, gegeneinander oder auch gegen die Regie, es gab allerhand Zerwürfnisse und anschließende Versöhnung.

So kämpften wir uns, mal mehr, mal weniger entschlossen und gemeinsam, durch die zwei Wochen und es gab ein großes Aufatmen, als dann der Tag der Premiere am 7.11. endlich gekommen war. Im arabischen Gemeinschaftszentrum in Halissa hat „Hadi we Tami“ seine ersten Schritte im Rampenlicht geübt, was, wie sich später herausstellen sollte, eine sehr wichtige Übung , für den Sprung ins kalte Wasser war, der uns noch bevorstehen sollte.

So entzweit und zersplittert wir nach dieser anstrengenden Probezeit auch waren, Minuten von der Premiere standen wir geeint, nervös und zitternd zusammen hinter der Bühne und wollten als Gruppe stolz unsere monatelange Arbeit präsentieren. Das Licht auf der Bühne ging an, ein letztes Mal alle die Hände zusammenhalten und hochwerfen, kurze Umarmungen und dann: Vorhang auf für „Hadi we Tami“! Daniel und Khaled zankten, neckten und liebten sich als Geschwister auf der Bühne, Ahmad als Vater schlichtete und beruhigte wo es nur ging, ich als Stiefmutter intrigierte und kommandierte, Or als Hexe lockte und hexte und Renana als die Katze schnurrte, schmeichelte und fauchte was das Zeug hielt. Das Publikum, hauptsächlich arabische Kinder und Eltern, aber auch Familie und Freunde, zeigte viel Empathie und Begeisterung und trugen somit zu einer gelungenen Premiere bei.

 

Ein paar video-clips:

http://www.youtube.com/watch?v=pd8_h__aItM

http://www.youtube.com/watch?v=QuymyedalKM

http://www.youtube.com/watch?v=NK9hvjEFVVE 

photos:

http://www.flickr.com/photos/9370585@N07/sets/72157600594120731/

 

 

Es war ein riesiger Brocken, der uns allen nach der Aufführung vom Herzen fiel. Wir hatten unsere erste große Probe bestanden und wirklich ein ganzes Theaterstück von der Idee bis zur Aufführung auf die Beine gestellt. Das zu feiern, darauf hatten wir schon so lange gewartet!

Während wir den gesamten Tag noch geprobt, aufgebaut und uns vorbereitet haben, haben derweil die zwei „arischen Engel“, wie Lea und Jonas, meine zwei deutschen Freunde, die uns zu dieser Zeit besucht haben, liebevollst von allen in der Kommune genannt und auch geneckt werden, wahrhaftig ein kleines Wunder vollbracht: Unsere Wohnung war aufgeräumt, der Kühlschrank gefüllt und ein leckeres Essen gekocht! So stand unserer Premierenfeier rein gar nichts im Wege, den Dank einer finanziellen „Party-Unterstützung“ von zwei lieben Freunden aus Wiesbaden konnten wir auch alle unsere Freunde und Unterstützer zu unserer Feier einladen. Noch heute erklären mir alle scherzhaft, dass ihre Sympathie für die Deutschen seit dieser vielseitigen und wunderbaren Unterstützung nochmals erheblich gestiegen ist.

Der nächste Tag verging ohne Proben, Farbkleckse, ohne Textpannen und ohne hitzige Auseinandersetzungen. Etwas Ruhe und Gelassenheit kehrten in unsere Kommune zurück, und wir konnten uns endlich ein wenig ausruhen, auf dem Erfolg, der uns viele Nerven und viel Kraft gekostet hatte. Doch lange währte die Freude nicht: Gerade waren wir am Meer angekommen, da erfuhren Jonas, Lea, Renana und ich von Or vom dem schrecklichen Massaker, das Stunden zuvor in Beit Chanun von der israelischen Armee an der Zivilbevölkerung verübt worden war. Noch am selben Abend nahmen wir an einer Art Demonstration teil, bei welcher sich um die 60 Menschen versammelten, um mit Plakaten und Transparenten auf und an der Straße zu stehen und die Menschen zum nach- und umdenken aufzufordern. So sehr uns dieses Massaker erschütterte, so sehr frustrierte uns aber auch diese, in ihrer TeilnehmerInnenzahl und auch Organisation sehr dürftige Demonstration der linken Partei. Sehr passiv stand man eine Stunde am Straßenrand, rief Parolen und nach exakt einer Stunde hatte man seine bürgerliche Pflicht erfüllt, sich seiner Verantwortung entledigt und verschwand in den privaten Feierabend. Ja, ich überspitze extra ein wenig, wenn ich so zynisch formuliere, aber es scheint, als sei das Demonstrieren zu einer lästigen Pflicht, diese Massaker zu einer gängigen, sich wiederholenden Prozedere geworden, selbst für die Menschen, die sich seit Jahren gegen die Praktiken der israelischen Armee und Regierung wehren. Dieser Abend offenbarte uns eine gewisse Abstumpfung, Resignation und Hoffnungslosigkeit angesichts der sich häufenden schrecklichen „Unfälle“ in den palästinensischen Gebieten, ja, nicht nur bei den Mitwirkenden und Ausführenden, auch bei deren Gegnern, was zwar erschütternd klingt, aber nicht überrascht, wenn man sieht, wie wenige Menschen überhaupt noch auf diese schrecklichen Nachrichten reagieren und wie viele nicht einmal mehr mit der Wimper zucken. Der Widerstand, die Opposition und die Moral scheinen hier in einer tiefen Krise zu stecken. Einerseits eingeschüchtert von dem Vorgehen, dessen sich die Polizei und das Militär bei Anti-Kriegs-Demonstationen bedienen, anderseits resigniert durch tägliche Schreckensmeldungen und Gräueltaten auf der einen- wie der anderen Seite, hat die Friedensbewegung in Israel in den letzten Jahren erheblich an Kraft und Einfluss einbüßen müssen. Einige machen weiter, aber mit halber Kraft müssen sie den doppelten Optimismus aufbringen, der gegen die Entschlossenheit und Härte der Regierung nicht viel aufzubringen hat.

Den Abend verbrachten Jonas, Lea und ich aufgebracht diskutierend, vor allem aber einander Artikel vorlesend, die während dem zweiten Libanon-Krieg in deutschen Medien veröffentlicht worden waren und von der Einseitigkeit und Doppelmoral, aber auch von dem heiklen Problem Deutschlands zeugten, Israel in seinem gesamten Tun wahrzunehmen und nicht die Hälfte aufgrund von einer unheilvollen Vergangenheit und einer unbegleichbaren Schuld auszublenden, zum schrecklichen Nachteil eines anderen Volkes.

Wir hatten einen erbosten, zynischen, diskussionsreichen, bisweilen aber auch sogar heiteren Abend, denn was da zum Teil in den deutschen Medien geschrieben wurde, konnte und kann man teilweise fast nur als einen bitteren Scherz verstehen. Umso schlimmer und gefährlicher ist es aber, wenn derartig einseitige und schlecht recherchierte Artikel in unseren Zeitungen erscheinen und den Menschen als meinungsbildende Grundlage dienen. Mittelpunkt unserer Kritik waren Mathias Künzel, einem Publizisten, dessen Artikel im Spiegel veröffentlicht wurde und Wolf Biermann, einem Schriftsteller und Liedermacher aus Deutschland, der den meisten von Euch hinreichend bekannt sein dürfte. Jüngst war er auf Lesereise in Israel und ich hatte die Möglichkeit mir seinen Vortrag anzuhören, der rhetorisch hervorragend, inhaltlich aber meines Erachtens einseitig und über alle Maßen propagandistisch war.

Hier ein paar Kostproben:

„Diesen Zielen ist die israelische Kriegsführung untergeordnet: Die Infrastruktur des Libanon wird zerstört, sofern sie für die Aufrüstung und Kriegsführung der Hisbollah relevant ist. Mit Flugblättern und Radiosendungen wird die libanesische Zivilbevölkerung vor Einsätzen in Wohngebieten gewarnt

„Während die Hisbollah durch den Einsatz von Streubomben auf israelische Bevölkerungszentren so viele Zivilisten wie möglich töten will, sucht Israel, die Zahl der zivilen libanesischen Opfer so gering wie möglich zu halten, auch wenn dies die Militäreinsätze erschwert

„Israels Waffeneinsatz hat schon jetzt unerwartet positive Entwicklungen ausgelöst. Schon heute sind die segenreichen Auswirkungen der israelischen Gegenwehr erkennbar“

 „Wie immer die Sache ausgehen mag - Israel konnte nicht besser handeln, als es bislang gehandelt hat. Auch deshalb erklärte das amerikanische Repräsentantenhaus in dieser Woche mit 410 zu 8 Stimmen seine uneingeschränkte Solidarität“

„Der pazifistische Impuls, den der jüngste israelische Abwehrkrieg in Deutschland und Europa mobilisierte, ist unüberlegt oder verlogen, in jedem Fall aber kontraproduktiv, provoziert er doch in seiner Konsequenz lediglich die noch schlimmere Schlacht. Die Schlussfolgerung aus Hitlers Vernichtungskrieg - "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" - wurde einst gezogen, damit ein antisemitischer Krieg nie wieder möglich wird. Was heute davon übrig geblieben ist - "Nie wieder Krieg gegen Faschismus!" - stellt die historische Erfahrung auf den Kopf“

„So wie die Hisbollah ihren Krieg stellvertretend für Iran führt, so bekämpft Israel den genozidalen Islamismus stellvertretend für die westliche Welt. Dass diese westliche Welt diesem Land nicht in den Rücken fallen darf, ist wohl das Mindeste, was erwartet werden darf“

Derartig sich selbst qualifizierenden Journalismus, wenn man es überhaupt noch so bezeichnen kann, erlaubte sich also der Spiegel in diesem Sommer. Man muss nicht einmal sonderlich belesen oder an dem Konflikt interessiert gewesen sein, um zu wissen, dass nicht die Hisbollah die Streubomben warf, dass das amerikanische Repräsentantenhaus nicht gerade bekannt für seine Stimme der Moral ist und somit nicht als Messlatte für einen „legitimen Krieg“ gelten kann und sollte und dieses Argument auch gerade in Zeiten, in denen man die schreckliche Situation im Irak mitverfolgen kann, keinerlei Gewicht haben sollte. Während also der „genozidale Islamismus“ laut Mathias Künzel weiter um sich greift, warten wir hier in Israel noch immer auf die oben so beschworenen „positiven“ und „segensreichen“ Auswirkungen eines Krieges, der scheinbar nicht unter die Schlussfolgerung „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ fällt und somit die volle Legitimation des Autors besitzt. „Den genozidalen Islamismus“ suche ich heute noch im Wörterbuch, denn diese etwas sehr vereinfachte Umschreibung einer Weltreligion mit ihren vielen und vielfältigen Gruppierungen, Positionen und Weltanschauungen will mir nicht so recht einleuchten.

Der nächste Morgen kam und auch die Zeitungen mit den Schlagzeilen, die abends schon erahnt hatten: Von einem „tragischen Unfall“, einem „dramatischen Unglück“ und einem „schrecklichen Versehen“ war die Rede. Wir fanden sie alle wieder: Die Rotkäppchen, die Soldaten, den Politiker, den Fußballer und nicht zuletzt die Journalisten (nähere Beschreibung dazu im letzten Rundbrief).

Einen allerletzten Satz Künzels möchte ich Euch nicht vorenthalten, nicht zuletzt auch, weil er mir eine gute Überleitung zu meinem weiteren Bericht bietet:

Wenn sich heute die Frauen und Männer der israelischen Streitkräfte unter Einsatz ihres Lebens diesem apokalyptischen Programm an "vorderster Front" entgegenstellen, schulden wir ihnen dann nicht zumindest unsere Solidarität?“

 

Die israelische Armee. So wenig dieses Thema in der israelischen Gesellschaft umstritten ist, so sehr ist es hier in der Kommune hitziges Thema und wird auf das heftigste abgelehnt. Nach Schulabschluss ist jede/r Israeli zum Dienst an der Waffe verpflichtet, Männer für drei, Frauen für zwei Jahre. Die Armee dieses Landes ist mit der unsrigen kaum zu vergleichen, sie ähnelt vielmehr einer riesigen Maschinerie, die schon fast ein Selbstläufer zu sein scheint und sich nicht mehr an Gesetze, Konventionen und Resolution halten muss. Doch seltsamerweise halten alle diese „Vorfälle“, „Unglücke“ und „Unfälle“ nur die allerwenigsten Jugendlichen davon ab, die Armee zu verweigern und dies, zugegeben, auch wegen den widrigen Umständen, die einen Verweigerer umgeben und erwarten. Die Verweigerung ist eine langwierige und schwierige Angelegenheit, die über viele Psychologen und Anhörungen entweder in die Entlassung aus der Armee oder bei weiterer Verweigerung ins Gefängnis führen kann. Die Armee, das ist eine Welt für sich, man gehört dazu, wird anerkannt und hat einen militärischen und gesellschaftlichen Status, oder man bleibt außen vor und wird bisweilen als „Verräter“ gehandelt. Wie sagte Gal, meine Freundin letztens so schön: „Man muss das machen, Amina, auch wenn man nicht will. Sonst gehörst Du nirgendwo mehr wirklich dazu“. Ja, sie ist auch eine Sache der Selbstdefinition, der Selbstfindung und Selbsterfahrung, die Armee und wenn man sich ihrem Einflussbereich mit vollem Bewusstsein entzieht, so wird man dennoch als labil, schwierig und gestört gehandelt, was Gründe sind, bei späteren Bewerbungen ausreichend benachteiligt und aussortiert zu werden, wie es einem Freund von mir gerade ergeht, der so verzweifelt nach einem Job sucht, nachdem er erfolgreich sein Studium absolviert hat, dass er es fast bereut, nicht in die Armee eingetreten zu sein, um jetzt zumindest einen sicheren Job zu haben. Bestätigt von den Medien, die tagtäglich jedem suggerieren, wie unerlässlich der militärische Schutz Israels ist, geht man also mit 18 Jahren zur Armee, dann, wenn die Gymnasiasten in Deutschland noch ein Jahr die Schulbank drücken, wird man monatelang „gecheckt“ und auf Tauglichkeit und Eignung „überprüft“ und letztendlich seiner Position zugeteilt. Herausgeputzt und immer mit der Waffe in der Hand gehören sie von nun an zum Alltagsbild in Israel, sie stehen für Sicherheit und Schutz, aber auch für Patriotismus und Engagement für das eigene Land und besitzen die Anerkennung des Großteils der Bevölkerung des Landes. Aus der Armee entlassen werden diese jungen Menschen mit 20 bzw. 21 und „dann beginnt unser Leben erst“ wie es Gal auszudrücken pflegt. Ja, dann beginnt das „wahre Leben“, man reist nach Indien, Südamerika, macht Trips durch Europa und schaut sich Australien an und vergisst, was man in diesen drei Jahren gehört, gesehen, gefühlt und vor allem getan hat. Das Leben hat ja erst nach der Armee angefangen. So scheint es zu funktionieren: Erst fügt man sich, dann funktioniert man und schließlich vergisst man.

Was auf der Seele davon zurück bleibt, was der Militärdienst mit diesen jungen Menschen, fast noch Kindern, macht, das ist vielleicht noch nicht erforscht, aber eine umso dringendere Frage: was passiert mit diesen jungen Menschen, die innerlich noch gar nicht zu einer wirklichen Stärke gefunden haben können, denen von außen aber schon in Form einer Waffe Stärke in die Hand gelegt und suggeriert wird, die sie nicht haben, noch gar nicht haben können, dann aber zu besitzen glauben und voll ausleben wollen. So wird die innere Stärke durch die äußere kompensiert, die innere Stärke durch die äußere unterdrückt und am sich entwickeln gehindert. Wenn man ihnen zuhört, wenn man ihre Befehle befolgt und ihre Worte glaubt, dann nicht, weil diese Taten, Worte und Befehle überzeugend sind, sondern nur, weil sie eine Waffe in der Hand halten und weil man gelernt hat, Menschen mit Waffen lieber nicht zuwider zu handeln. So erliegen viele dieser Jugendlichen einem traurigen Trugschluss: Sie glauben, mit der Waffe in der Hand ein jemand zu sein, eine Bedeutung zu haben, die sie nicht hätten, nie erlangen würden, ohne diese äußeren Insignien der Macht.

Ich schreibe sehr emotional zu diesem Thema, weil zwar nicht mich direkt, aber mein Umfeld doch sehr unmittelbar betroffen ist. Meine Freunde und Freundinnen, vor allem jene von unserem Austauschprogramm des letzten Jahres sind bereits zur Armee gegangen oder gehen in der nächsten Zeit. Ich verurteile oder verachte keine/n für seine Entscheidung zur Armee zu gehen, weiß ich doch mittlerweile auch, dass nicht alle Einheiten der Armee „Fighter“ sind, d.h. mit den Waffen beschäftigt sind, wenngleich sie dennoch dem gleichen System dienen und weiß ich doch mittlerweile auch, welche Kraft und Überzeugung es in diesem Alter kosten muss, „Nein“ zu sagen, aufzustehen und sich den Widrigkeiten auszusetzen, die dann in Gang kommen.

Und ich habe auch eine große Angst in mir, die in mir arbeitet und mich sehr beschäftigt, die Angst, eines Tages vor einem meiner Freunde zu stehen, wie letztens vor den Soldaten in der Westbank bei der Olivenernte und ihm ins Gesicht zu sehen und zu merken, dass er nicht mehr menschlich anzusprechen ist, dass er auch jenen harten, verächtlichen und herablassenden Ausdruck auf dem Gesicht haben könnte, wie diese jungen Menschen in der Westbank, die uns bei der Olivenernte gemeinsam mit Abu Said, einem palästinensischen Bauern, vor den Attacken von Siedlern schützen sollten, stattdessen aber nur Verachtung und Geringschätzung für uns übrig hatten.

Lasst mich Euch ein wenig zu der heutigen Situation in der Westbank, vor allem aber zu den Siedlungen berichten: Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurden das Westjordanland (Westbank) (zu Jordanien gehörend) und der Gazastreifen (zu Ägypten gehörend) von israelischen Streitkräften erobert und besetzt .In der Folge errichtete Israel im Westjordanland immer mehr Siedlungen, d.h. jüdische Bevölkerung siedelte sich nach und nach dort an, bebaute palästinensisches Land, baute eigene Infrastruktur auf und schuf somit Tatsachen auf der Landkarte Palästinas, die sich nicht mal eben ausradieren lassen. Heute gibt es, Ostjerusalem nicht eingeschlossen, 121 offizielle Siedlungen alleine in der Westbank, 40% des palästinensischen Landes jenseits der Grünen Linie (Beschluss von 1949) sind von Siedlungen besetzt, die Landeigentümer sind überwiegend vertrieben und enteignet worden. 260 000 jüdische Siedler leben in der Westbank, überwiegend mit der fixen Idee eines „Groß-Israel“: Diese Menschen, welche den Teilungsplan nicht anerkennen wollen und glauben, die illegitime Aneignung von Land im Namen ihres Gottes und ihrer Religion rechtfertigen zu können, werden aber leider auch noch durch die Regierung und die Armee vollkommen unterstützt. So ist es z.B. allen Siedlern erlaubt, jederzeit Waffen mit sich herumzutragen und diese bei „Gefahr“ einzusetzen und nach und nach werden die Siedlungen durch riesige Autobahnen, die ohne Rücksicht auf die dort lebende Bevölkerung und die Natur in das Land gebaut werden, mit Israel verbunden und so als natürliche Gegebenheiten ausgegeben.

Palästinensische Bauern, die über Generationen ihre Olivenbäume dort pflanzen und beernten, werden vor vollendete Tatsachen gestellt: Ihre Bäume werden abgeholzt und es wird ihnen der Zutritt zu ihrem eigenen Boden unter Androhung von Gewalt verweigert. Auch Abu Said, der Palästinenser, mit dem wir einen Tag lang als internationale Unterstützung Oliven ernteten, hat schon mit seinem Vater vor 60 Jahren in Palästina Olivenbäume gepflanzt. Von seinen 600 Bäumen sind heute noch 100 übrig geblieben, alle anderen wurden von jüdischen Siedlern abgeholzt, oder stehen so nah an der Siedlung „Revava“, das er das Land aus „Sicherheitsgründen“ nicht betreten darf. Auch seine Bäume, die auf der anderen Straßenseite stehen, die ihm eigentlich noch zu betreten erlaubt sein müsste, sind von einem ca. 1,50 m hohen Stacheldrahtzaun umgeben, so dass einige der Früchte nicht zu ernten sind. Kurz nachdem wir zu ernten begonnen hatten, war das Militär schon zur Stelle, zeitgleich mit den ersten Siedlern, beide Parteien begrüßten sich mit Handschlag, was schon darauf hindeutet, wer hier wen beschützen sollte und wer im Endeffekt wen beschützt. Kurze Zeit später hieß es, wir hätten keine Erlaubnis, heute hier zu ernten, wir müssten aufhören. So ging es lange hin und her, die Soldaten, die Waffen immer in Bereitschaft, straften uns mit Missachtung, einige von uns sie mit Provokationen, und währenddessen ernteten wir, mitten in der wunderschönen Landschaft, bei strahlendem Sonnenschein so viele Oliven wie wir konnten, denn es war offensichtlich, dass es nur eine Frage des Zeit sein könnte, bis wir das Feld endgültig räumen müssten. Und so war es dann auch: Nachdem wir mit Abu Said und den anderen Freiwilligen gerade unser leckeres Mittagessen im Schatten eines Baumes zu uns genommen hatten (bewacht und umgeben von bis an die Zähne bewaffnete junge Männer, die auch noch glaubten, uns mit ihrer Musik von ihren Handys unterhalten zu müssen), den Abu Said bereits vor 50 Jahren mit seinem Vater gepflanzt hatte, fühlte sich ein Soldat von dem Kommentar einer Freiwilligen provoziert, binnen von Minuten wurde die Stimmung aggressiv, wir mussten schnell zusammen räumen und das Gelände verlassen um zumindest keine unnötige Gefahr für Abu Said zu provozieren. Keine Worte, keine Bitten und keine Telefonanrufe bei wichtigen Armeeverantwortlichen halfen uns. Wir mussten das Feld räumen.

 Den restlichen Tag verbrachten wir in Harres, dem Ort, unweit es Geländes in dem wir Oliven gepflückt hatten und waren zum Abschluss noch bei einer palästinensischen Familie eingeladen, die selbst Olivenöl herstellt und uns von vielen schrecklichen Vorkommnissen in ihrem Ort zu berichten wusste. Immer wieder gebe es Erschießungen, die auf „Missverständnissen“ beruhten. Erst einige Tage zuvor war ein Familienvater erschossen worden, der ein Spielzeuggewehr für seinen Sohn mit sich trug, welches die Israelis für ein echtes Gewehr und somit eine Bedrohung hielten. Auch Kinder werden oft zu Opfern der Besatzung, wenn sie beim Spielen mit Plastikgewehren oder Steinen eine „potentielle Bedrohung“ für die hochbewaffneten Soldaten in ihren Militärjeeps darstellen.

Mit frisch gepresstem Olivenöl, vielen guten Wünschen und um einige Erfahrungen reicher verließen wir die Westbank Richtung Jerusalem. Dieser Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben und beschäftigt mich erheblich, denn soviel ich auch bereits über die Westbank, die israelische Besatzung und die Situation in der palästinensischen Gebieten gelesen habe, so ersetzt doch nichts die Tatsache, dass alles mal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Das, was dort geschieht ist eine grobe und willkürliche Verletzung der Menschenrechte und der Mauerbau, der von der israelischen Regierung vorangetrieben wird und weit in die Westbank gebaut wird, um auch die östlichste Siedlung noch an Israel anzuschließen, ist schlicht und einfach gesagt Landraub und hat nichts mit Sicherheit zu tun. Der „Sicherheitszaun“ wie ihn die meisten Israelis nennen, ist in Wahrheit eine riesige Mauer und eine gigantische Sperranlage, die ein gesamtes Volk einmauert und ihnen jede Möglichkeit, einen eigenen Staat zu gründen, nimmt. Es ist ein unbestreitbarer Fakt, dass die Mauer bisher durchaus der Sicherheit der israelischen Bevölkerung gedient hat, die Anschläge sind beinahe um 100% zurück gegangen und keiner möchte dem jüdischen Volk sein Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe absprechen, würde die Mauer doch einfach auf der vereinbarten Linie von1949 verlaufen. Auch dann gäbe es mit Sicherheit Einwände gegen diese Mauer vorzubringen, die die physische und psychische Trennung dieser beiden Völker vorantreibt und besiegelt, aber wäre sie unbestreitbar ein Akt der legitimen Selbstverteidigung.

Zurück in Haifa ging unser Kampf im israelisch-palästinensischen Konflikt gleich weiter, wenn auch ganz anders und viel subtilerer Art. „Hadi we Tami“ wollten wir am 21.11. in der Matnas, unserem großen jüdischen Gemeinschaftszentrum in unserer Nähe, in dem wir viel arbeiten und auch hinreichend bekannt sind, zur Aufführung bringen. Wir bereiteten also alles vor, diesmal deutlich ruhiger und entspannter als beim ersten Mal und begannen, unsere Poster aufzuhängen und Flyer an die Kinder zu verteilen, auf denen sowohl in hebräisch als auch arabisch unser Stück angekündigt wird. Bereits einige Tage steckten wir bereits in Schwierigkeiten: Es gab zahlreiche Beschwerden bei der Koordinatin der Theaterstücke in der Matnas, wie es denn zugelassen werden könne, dass in einem jüdischen Gemeinschaftszentrum ein Theaterstück in arabischer Sprache aufgeführt werde. Es gab große Empörungen bis hin zum Boykott-Aufruf unseres Stückes, unsere Poster wurden abgerissen und eine recht vehemente Hetzjagd begann, die uns allen recht schwer zu schaffen machte, denn gerade mit den Menschen, die sich da so heftig beschwerten, leben und arbeiten wir zusammen und keine/r von uns hätte eine solche Reaktion erwartet. Ihr seht also, selbst hier, in Haifa, der Stadt, die man als die friedlichste im Miteinander von Juden und Arabern bezeichnet, fangen die Abgrenzung, die Diskriminierung und das subtile Misstrauen schon an. Die Angst voreinander ist groß, man kennt sich nicht. Man hat keine gemeinsame Sprache. Man geht sich lieber aus dem Weg. Die Araber gehen in ihr Gemeinschaftszentrum, die Juden in das ihrige. Man lebt in zwei Welten, wenngleich auch so nah beieinander doch aneinander vorbei. Eine traurige Tatsache, der wir uns hier tag für Tag immer aufs neue stellen müssen und gegen die wir mit den Mitteln des Theaters anzugehen versuchen. Wir haben also lange zusammen gesessen, überlegt, was machen wir, wollen wir spielen, diese Kränkung hinnehmen, gerade Ahmad und Khaled waren verständlicherweise zutiefst gekränkt. Aber zum Ende hin stand für uns alle fest: wir spielen. Und wenn es nur vor einem Kind sein wird, so werden wir uns nicht verstecken mit dem was wir hier machen und mit dem was uns wichtig und wertvoll erscheint.

 Mit der schnellen Hilfe der anderen Kommune, die sich die Liste der Nörgler besorgte und alle einzeln antelefonierte, um über unsere Gruppe, unsere Arbeit und das Stück zu berichten, wurde die Situation dann doch ruhiger und wir konnten noch einen anderen Erfolg verbuchen im Kampf darum, dass der Eintritt zu unserem Stück kostenlos sein würde. Uns war es ein großes Anliegen, dass jedes Kind, das wollte auch kommen und uns zuschauen konnte, ohne aus Geldgründen vielleicht darauf verzichten zu müssen. Letztendlich haben wir dann erreicht, dass die Matnas uns genehmigt hat, das Stück ohne Kartenverkauf aufzuführen. Mit all diesen Spannungen im Vorfeld und mit der Angst im Hinterkopf, alle 300 Stühle nicht vollzubekommen und auch mit der Erwartung, dass es zu weiteren Komplikationen während der Aufführung wegen der Sprachen kommen würde haben wir dann den Tag der Aufführung begonnen. Es ist ein großer Erfolg geworden! Sowohl jüdische, russische, äthiopische als auch arabische Kinder und Eltern haben an diesem Tag ihren Weg in die Matnas gefunden, eine kleine Revolution, wenn man bedenkt, dass bis zu diesem Datum die arabische Sprache noch keinen Einzug in die Matnas gefunden hatte. Die Aufführung lief gut, es gab keinerlei Störungen und Zwischenfälle, dafür aber ein herzliches, offenes und sehr mitgehendes Publikum, das uns freudig beklatschte. Wir haben es an diesem Tag wirklich geschafft, dass Araber und Juden sich auf gleicher Ebene begegnet sind, dass jede/r in seiner Sprache angesprochen wurde und dennoch die andere nicht ausblenden konnte. Wir konnten zeigen: es gibt sie, beide Seiten und beide haben ihre Berechtigung, beide ihre Ängste, ihre Zweifel, aber beide sollten auch den Willen und den Mut haben, immer wieder aufs neue aufeinander zuzugehen, zu hören, was der andere zu berichten und zu sagen hat, was er fühlt und wie er lebt. Vielleicht ist uns ein kleiner Beitrag dazu mit „Hadi we Tami“ ja gelungen.

Photos: http://www.flickr.com/photos/9370585@N07/sets/72157600594265098/

 

Projektarbeit

Kindergarten Halissa:

Ja, wir haben endlich begonnen. Die Kindergartentheatergruppe in Halissa hat vor drei Wochen ihren Anfang gefunden und es läuft bisher ganz großartig. Die Kommunikation mit den Kindern läuft sowohl auf der nonverbalen Ebene als auch auf der verbalen Ebene über die Erzieherinnen ganz wunderbar. Eine Stunde in der Woche machen wir zusammen Theater, zur Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit den Tieren, wie sie aussehen, sich verhalten, wie sie leben und auch was sie fühlen. Ich bin glücklich, dass Michael und ich zusammen diesen nicht so einfachen Schritt gewagt haben, den sowohl für die Kinder als auch für uns ist die Zusammenarbeit immens wichtig und trägt schon jetzt ihre Früchte.

 

 

Noch immer sind wir, das Projekt und ich auf Spenden angewiesen, um unsere Arbeit hier konstant fortzusetzen. Ich danke Allen, die mich bisher unterstützt haben und freue mich sehr über weitere kleine und große Spenden, die es möglich machen, dass ich dem Projekt meine Kosten erstatten kann (die Hälfte habe ich bereits dank Eurer Spenden zusammen). Wenn Ihr also Ideen habt, an wen ich mich wenden kann, welche Stiftungen, Privatpersonen oder Unternehmen ein offenes Ohr und ein Budget für solche Projekte haben, lasst es mich wissen! Ich suche auch weiterhin Patenschaften mit Kursen und Schulklassen, Vereinen oder anderen Interessierten, die mich symbolisch unterstützen und dafür regelmäßig mit direkten Informationen aus dem heiligen Land versorgt werden, gerne komme ich nach dem Jahr auch zu Besuch und berichte über unser Projekt, die politische Situation und die historischen Hintergründe.

Alle Ideen für finanzielle Unterstützung, aber auch für die Möglichkeit, mehr über das Projekt und die dieses wunderbare Land zu berichten und an Menschen weiterzugeben, sind mir sehr willkommen!

Ich wünsche Euch allen, bis ich viele von Euch bald wiedersehe, schöne, besinnliche, friedliche und schöne vorweihnachtliche Tage, „Chag sameach“, wie man hier sagt.

Bis bald,

Eure Amina

 

 

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