Liebe Freundinnen
und Freunde!
Schon wieder ist das
Monatsende in Sicht und ich möchte Euch einen
kleinen Einblick gewähren, in unser Leben und unsere Arbeit hier in Haifa,
in unserem jüdisch-palästinensisch-deutschen Theaterprojekt.
Die Zeit vergeht so
schnell, und es ist kaum zu glauben, dass es schon ein Monat her ist, dass ich Euch das letzte Mal schrieb und berichtet habe.
Zu dieser Zeit waren
wir mitten in der Endprobenphase und Vorbereitungszeit für „Hadi we Tami“,
unserem kleinen dreisprachigen Kindertheaterstück.
Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, dass es von daher ein
aufregender, voller, spannender und sehr sehr
anstrengender Monat war, der uns allen viel abverlangt hat und jeden an seine
eigenen Grenzen, aber auch die gesamte Gruppe an ihre Grenze gebracht hat. Zwei
Wochen lang ist uns das Theater zu jeder Tages- und Nachtzeit förmlich
„ins Gesicht gesprungen“. Jeder Raum, jeder Winkel unserer Wohnung war
ausgefüllt mit Leinwand, Farbe, Plastikunterlagen, Pinseln, anderen Deko-materialien und vor allem Kostümen. In der
gesamten Wohnung konnte man unsere Schritte nachvollziehen, die durch die Farbe
auf unseren Füßen Spuren auf dem Boden hinterließ. Der
Kühlschrank gähnte uns zwei Wochen lang leer entgegen, hauptsächlich
haben wir uns von Fertigessen und dem Essen besorgter Eltern ernährt und
es eben- ab und an mit dem Essen auch mal sein lassen.
Wir lachten, unterhielten und stritten uns
während wir die Leinwände bemalten, wenn wir duschten und zur
Toilette gingen, waren wir im Kopf mit unserem Text und der Werbung für
unser Stück beschäftigt, und selbst wenn wir gegen vier Uhr morgens
ins Bett fielen, ließ uns das Stück nicht wirklich los, wir
träumten von bösen Hexen, verpatzten Premieren, schwarzen Katzen und
bösen Stiefmüttern. Ihr seht, hier haben sich Menschen getroffen, die
zu Fatalismus neigen, wenn es um Theater geht.
Und damit meine ich
sowohl die schönen, als auch die unschönen
Seiten daran, denn es wäre unehrlich zu behaupten, wir hätten all
dies mit Unmengen an Optimismus, Motivation und Perfektionismus getan. Nein, so
war es nicht, und so wird es bei uns vermutlich auch nie sein: Mit dem Druck
und dem Stress ist natürlich auch die Zahl der Streitigkeiten, der
Verletzungen, der Tränen und der Wutanfälle stetig angestiegen. Das
ständige notwendige Zusammensein und Zusammenarbeiten wurde oft zur Last,
einem Rückzug in die Privatsphäre wäre ein im-Stich-lassen der Gruppe gleich gekommen. Also
verkniff sich ein(e) jede/r seine Wut, seine Tränen und Vorwürfe, was
die Stimmung allerdings nur ungleich besser machte.
Auch
künstlerisch suchten wir die Konfrontation, ob nun miteinander,
gegeneinander oder auch gegen die Regie, es gab allerhand Zerwürfnisse und
anschließende Versöhnung.
So kämpften wir
uns, mal mehr, mal weniger entschlossen und gemeinsam, durch die zwei Wochen
und es gab ein großes Aufatmen, als dann der Tag der Premiere am 7.11.
endlich gekommen war. Im arabischen Gemeinschaftszentrum in Halissa
hat „Hadi we Tami“ seine ersten Schritte im Rampenlicht geübt, was,
wie sich später herausstellen sollte, eine sehr wichtige Übung , für den Sprung ins kalte Wasser war, der
uns noch bevorstehen sollte.
So entzweit und
zersplittert wir nach dieser anstrengenden Probezeit auch waren, Minuten von
der Premiere standen wir geeint, nervös und
zitternd zusammen hinter der Bühne und wollten als Gruppe stolz unsere
monatelange Arbeit präsentieren. Das Licht auf der Bühne ging an, ein
letztes Mal alle die Hände zusammenhalten und hochwerfen, kurze Umarmungen
und dann: Vorhang auf für „Hadi we Tami“!
Daniel und Khaled zankten, neckten und liebten sich als Geschwister auf der
Bühne, Ahmad als Vater schlichtete und beruhigte wo
es nur ging, ich als Stiefmutter intrigierte und kommandierte, Or als Hexe lockte und hexte und Renana
als die Katze schnurrte, schmeichelte und fauchte was das Zeug hielt. Das
Publikum, hauptsächlich arabische Kinder und Eltern, aber auch Familie und
Freunde, zeigte viel Empathie und Begeisterung und trugen somit zu einer
gelungenen Premiere bei.
Ein paar video-clips:
http://www.youtube.com/watch?v=pd8_h__aItM
http://www.youtube.com/watch?v=QuymyedalKM
http://www.youtube.com/watch?v=NK9hvjEFVVE
photos:
http://www.flickr.com/photos/9370585@N07/sets/72157600594120731/
Es war ein riesiger
Brocken, der uns allen nach der Aufführung vom Herzen fiel. Wir hatten
unsere erste große Probe bestanden und wirklich ein ganzes
Theaterstück von der Idee bis zur Aufführung auf die
Beine gestellt. Das zu feiern, darauf hatten wir schon so lange gewartet!
Während wir den
gesamten Tag noch geprobt, aufgebaut und uns vorbereitet haben, haben derweil
die zwei „arischen Engel“, wie Lea und Jonas, meine zwei deutschen Freunde, die
uns zu dieser Zeit besucht haben, liebevollst von allen in der Kommune genannt
und auch geneckt werden, wahrhaftig ein kleines Wunder vollbracht: Unsere
Wohnung war aufgeräumt, der Kühlschrank gefüllt und ein leckeres
Essen gekocht! So stand unserer Premierenfeier rein gar nichts im Wege, den Dank
einer finanziellen „Party-Unterstützung“ von zwei lieben Freunden aus
Wiesbaden konnten wir auch alle unsere Freunde und Unterstützer zu unserer
Feier einladen. Noch heute erklären mir alle scherzhaft, dass ihre
Sympathie für die Deutschen seit dieser vielseitigen und wunderbaren
Unterstützung nochmals erheblich gestiegen ist.
Der nächste Tag
verging ohne Proben, Farbkleckse, ohne Textpannen und ohne hitzige
Auseinandersetzungen. Etwas Ruhe und Gelassenheit kehrten in unsere Kommune
zurück, und wir konnten uns endlich ein wenig ausruhen, auf dem Erfolg,
der uns viele Nerven und viel Kraft gekostet hatte. Doch lange währte die
Freude nicht: Gerade waren wir am Meer angekommen, da erfuhren Jonas, Lea, Renana und ich von Or vom dem
schrecklichen Massaker, das Stunden zuvor in Beit Chanun von der israelischen Armee an der
Zivilbevölkerung verübt worden war. Noch am selben Abend nahmen wir
an einer Art Demonstration teil, bei welcher sich um die 60 Menschen
versammelten, um mit Plakaten und Transparenten auf und an der Straße zu
stehen und die Menschen zum nach- und umdenken aufzufordern. So sehr uns dieses
Massaker erschütterte, so sehr frustrierte uns aber auch diese, in ihrer TeilnehmerInnenzahl und auch
Organisation sehr dürftige Demonstration der linken Partei. Sehr passiv stand
man eine Stunde am Straßenrand, rief Parolen und nach exakt einer Stunde
hatte man seine bürgerliche Pflicht erfüllt, sich seiner
Verantwortung entledigt und verschwand in den privaten Feierabend. Ja, ich
überspitze extra ein wenig, wenn ich so zynisch formuliere, aber es
scheint, als sei das Demonstrieren zu einer lästigen Pflicht, diese
Massaker zu einer gängigen, sich wiederholenden Prozedere geworden, selbst
für die Menschen, die sich seit Jahren gegen die Praktiken der israelischen
Armee und Regierung wehren. Dieser Abend offenbarte uns eine gewisse
Abstumpfung, Resignation und Hoffnungslosigkeit angesichts der sich
häufenden schrecklichen „Unfälle“ in den palästinensischen
Gebieten, ja, nicht nur bei den Mitwirkenden und Ausführenden, auch bei
deren Gegnern, was zwar erschütternd klingt, aber nicht überrascht,
wenn man sieht, wie wenige Menschen überhaupt noch auf diese schrecklichen
Nachrichten reagieren und wie viele nicht einmal mehr mit der Wimper zucken.
Der Widerstand, die Opposition und die Moral scheinen hier in einer tiefen
Krise zu stecken. Einerseits eingeschüchtert von dem Vorgehen, dessen sich
die Polizei und das Militär bei Anti-Kriegs-Demonstationen
bedienen, anderseits resigniert durch tägliche Schreckensmeldungen und
Gräueltaten auf der einen- wie der anderen Seite, hat die Friedensbewegung
in Israel in den letzten Jahren erheblich an Kraft und Einfluss
einbüßen müssen. Einige machen weiter, aber mit halber Kraft
müssen sie den doppelten Optimismus aufbringen, der gegen die Entschlossenheit
und Härte der Regierung nicht viel aufzubringen hat.
Den Abend
verbrachten Jonas, Lea und ich aufgebracht diskutierend, vor allem aber
einander Artikel vorlesend, die während dem zweiten Libanon-Krieg in
deutschen Medien veröffentlicht worden waren und von der Einseitigkeit und
Doppelmoral, aber auch von dem heiklen Problem Deutschlands zeugten, Israel in
seinem gesamten Tun wahrzunehmen und nicht die Hälfte aufgrund von einer
unheilvollen Vergangenheit und einer unbegleichbaren
Schuld auszublenden, zum schrecklichen Nachteil eines anderen Volkes.
Wir hatten einen
erbosten, zynischen, diskussionsreichen, bisweilen aber auch sogar heiteren
Abend, denn was da zum Teil in den deutschen Medien geschrieben wurde, konnte
und kann man teilweise fast nur als einen bitteren Scherz verstehen. Umso
schlimmer und gefährlicher ist es aber, wenn
derartig einseitige und schlecht recherchierte Artikel in unseren Zeitungen
erscheinen und den Menschen als meinungsbildende Grundlage dienen. Mittelpunkt
unserer Kritik waren Mathias Künzel, einem
Publizisten, dessen Artikel im Spiegel veröffentlicht wurde und Wolf
Biermann, einem Schriftsteller und Liedermacher aus Deutschland, der den
meisten von Euch hinreichend bekannt sein dürfte.
Jüngst war er auf Lesereise in Israel und ich hatte die Möglichkeit
mir seinen Vortrag anzuhören, der rhetorisch hervorragend, inhaltlich aber
meines Erachtens einseitig und über alle Maßen
propagandistisch war.
Hier ein paar
Kostproben:
„Diesen Zielen ist die israelische Kriegsführung untergeordnet: Die
Infrastruktur des Libanon wird zerstört, sofern sie für die
Aufrüstung und Kriegsführung der Hisbollah relevant ist. Mit
Flugblättern und Radiosendungen wird die libanesische
Zivilbevölkerung vor Einsätzen in Wohngebieten gewarnt“
„Während die Hisbollah durch den Einsatz von Streubomben auf
israelische Bevölkerungszentren so viele Zivilisten wie möglich
töten will, sucht Israel, die Zahl der zivilen libanesischen Opfer so
gering wie möglich zu halten, auch wenn dies die Militäreinsätze
erschwert“
„Israels Waffeneinsatz hat schon jetzt unerwartet positive Entwicklungen
ausgelöst. Schon heute sind die segenreichen Auswirkungen der
israelischen Gegenwehr erkennbar“
„Wie immer die Sache ausgehen mag -
Israel konnte nicht besser handeln, als es bislang gehandelt hat. Auch deshalb
erklärte das amerikanische Repräsentantenhaus in dieser Woche mit 410
zu 8 Stimmen seine uneingeschränkte Solidarität“
„Der pazifistische Impuls, den der jüngste israelische Abwehrkrieg in
Deutschland und Europa mobilisierte, ist unüberlegt oder verlogen,
in jedem Fall aber kontraproduktiv, provoziert er doch in seiner Konsequenz
lediglich die noch schlimmere Schlacht. Die Schlussfolgerung aus Hitlers
Vernichtungskrieg - "Nie wieder Faschismus!
Nie wieder Krieg!" - wurde einst gezogen, damit ein antisemitischer
Krieg nie wieder möglich wird. Was heute davon übrig geblieben ist -
"Nie wieder Krieg gegen Faschismus!" -
stellt die historische Erfahrung auf den Kopf“
„So wie die Hisbollah ihren Krieg stellvertretend für Iran führt,
so bekämpft Israel den genozidalen Islamismus
stellvertretend für die westliche Welt. Dass diese westliche Welt diesem
Land nicht in den Rücken fallen darf, ist wohl das Mindeste, was erwartet
werden darf“
Derartig sich selbst qualifizierenden Journalismus, wenn
man es überhaupt noch so bezeichnen kann, erlaubte sich also der Spiegel
in diesem Sommer. Man muss nicht einmal sonderlich belesen oder an dem Konflikt
interessiert gewesen sein, um zu wissen, dass nicht die Hisbollah die
Streubomben warf, dass das amerikanische Repräsentantenhaus nicht gerade
bekannt für seine Stimme der Moral ist und somit nicht als Messlatte
für einen „legitimen Krieg“ gelten kann und sollte und dieses Argument
auch gerade in Zeiten, in denen man die schreckliche Situation im Irak
mitverfolgen kann, keinerlei Gewicht haben sollte. Während also der „genozidale Islamismus“ laut Mathias Künzel
weiter um sich greift, warten wir hier in Israel noch immer auf die oben so
beschworenen „positiven“ und „segensreichen“ Auswirkungen eines Krieges, der
scheinbar nicht unter die Schlussfolgerung „Nie wieder
Faschismus, nie wieder Krieg“ fällt und somit die volle Legitimation des
Autors besitzt. „Den genozidalen Islamismus“ suche
ich heute noch im Wörterbuch, denn diese etwas sehr vereinfachte Umschreibung
einer Weltreligion mit ihren vielen und vielfältigen Gruppierungen,
Positionen und Weltanschauungen will mir nicht so recht einleuchten.
Der nächste Morgen kam und auch die Zeitungen mit
den Schlagzeilen, die abends schon erahnt hatten: Von einem „tragischen
Unfall“, einem „dramatischen Unglück“ und einem „schrecklichen Versehen“
war die Rede. Wir fanden sie alle wieder: Die Rotkäppchen, die Soldaten,
den Politiker, den Fußballer und nicht zuletzt die Journalisten
(nähere Beschreibung dazu im letzten Rundbrief).
Einen allerletzten Satz Künzels
möchte ich Euch nicht vorenthalten, nicht zuletzt
auch, weil er mir eine gute Überleitung zu meinem weiteren Bericht bietet:
„Wenn sich heute die Frauen und
Männer der israelischen Streitkräfte unter Einsatz ihres Lebens
diesem apokalyptischen Programm an "vorderster Front"
entgegenstellen, schulden wir ihnen dann nicht zumindest unsere
Solidarität?“
Die israelische Armee. So wenig dieses Thema in der israelischen Gesellschaft umstritten ist, so sehr ist es hier in der Kommune hitziges Thema und wird auf das heftigste abgelehnt. Nach Schulabschluss ist jede/r Israeli zum Dienst an der Waffe verpflichtet, Männer für drei, Frauen für zwei Jahre. Die Armee dieses Landes ist mit der unsrigen kaum zu vergleichen, sie ähnelt vielmehr einer riesigen Maschinerie, die schon fast ein Selbstläufer zu sein scheint und sich nicht mehr an Gesetze, Konventionen und Resolution halten muss. Doch seltsamerweise halten alle diese „Vorfälle“, „Unglücke“ und „Unfälle“ nur die allerwenigsten Jugendlichen davon ab, die Armee zu verweigern und dies, zugegeben, auch wegen den widrigen Umständen, die einen Verweigerer umgeben und erwarten. Die Verweigerung ist eine langwierige und schwierige Angelegenheit, die über viele Psychologen und Anhörungen entweder in die Entlassung aus der Armee oder bei weiterer Verweigerung ins Gefängnis führen kann. Die Armee, das ist eine Welt für sich, man gehört dazu, wird anerkannt und hat einen militärischen und gesellschaftlichen Status, oder man bleibt außen vor und wird bisweilen als „Verräter“ gehandelt. Wie sagte Gal, meine Freundin letztens so schön: „Man muss das machen, Amina, auch wenn man nicht will. Sonst gehörst Du nirgendwo mehr wirklich dazu“. Ja, sie ist auch eine Sache der Selbstdefinition, der Selbstfindung und Selbsterfahrung, die Armee und wenn man sich ihrem Einflussbereich mit vollem Bewusstsein entzieht, so wird man dennoch als labil, schwierig und gestört gehandelt, was Gründe sind, bei späteren Bewerbungen ausreichend benachteiligt und aussortiert zu werden, wie es einem Freund von mir gerade ergeht, der so verzweifelt nach einem Job sucht, nachdem er erfolgreich sein Studium absolviert hat, dass er es fast bereut, nicht in die Armee eingetreten zu sein, um jetzt zumindest einen sicheren Job zu haben. Bestätigt von den Medien, die tagtäglich jedem suggerieren, wie unerlässlich der militärische Schutz Israels ist, geht man also mit 18 Jahren zur Armee, dann, wenn die Gymnasiasten in Deutschland noch ein Jahr die Schulbank drücken, wird man monatelang „gecheckt“ und auf Tauglichkeit und Eignung „überprüft“ und letztendlich seiner Position zugeteilt. Herausgeputzt und immer mit der Waffe in der Hand gehören sie von nun an zum Alltagsbild in Israel, sie stehen für Sicherheit und Schutz, aber auch für Patriotismus und Engagement für das eigene Land und besitzen die Anerkennung des Großteils der Bevölkerung des Landes. Aus der Armee entlassen werden diese jungen Menschen mit 20 bzw. 21 und „dann beginnt unser Leben erst“ wie es Gal auszudrücken pflegt. Ja, dann beginnt das „wahre Leben“, man reist nach Indien, Südamerika, macht Trips durch Europa und schaut sich Australien an und vergisst, was man in diesen drei Jahren gehört, gesehen, gefühlt und vor allem getan hat. Das Leben hat ja erst nach der Armee angefangen. So scheint es zu funktionieren: Erst fügt man sich, dann funktioniert man und schließlich vergisst man.
Was auf der Seele davon zurück bleibt, was der Militärdienst mit diesen jungen Menschen, fast noch Kindern, macht, das ist vielleicht noch nicht erforscht, aber eine umso dringendere Frage: was passiert mit diesen jungen Menschen, die innerlich noch gar nicht zu einer wirklichen Stärke gefunden haben können, denen von außen aber schon in Form einer Waffe Stärke in die Hand gelegt und suggeriert wird, die sie nicht haben, noch gar nicht haben können, dann aber zu besitzen glauben und voll ausleben wollen. So wird die innere Stärke durch die äußere kompensiert, die innere Stärke durch die äußere unterdrückt und am sich entwickeln gehindert. Wenn man ihnen zuhört, wenn man ihre Befehle befolgt und ihre Worte glaubt, dann nicht, weil diese Taten, Worte und Befehle überzeugend sind, sondern nur, weil sie eine Waffe in der Hand halten und weil man gelernt hat, Menschen mit Waffen lieber nicht zuwider zu handeln. So erliegen viele dieser Jugendlichen einem traurigen Trugschluss: Sie glauben, mit der Waffe in der Hand ein jemand zu sein, eine Bedeutung zu haben, die sie nicht hätten, nie erlangen würden, ohne diese äußeren Insignien der Macht.
Ich schreibe sehr emotional zu diesem Thema, weil zwar nicht mich direkt, aber mein Umfeld doch sehr unmittelbar betroffen ist. Meine Freunde und Freundinnen, vor allem jene von unserem Austauschprogramm des letzten Jahres sind bereits zur Armee gegangen oder gehen in der nächsten Zeit. Ich verurteile oder verachte keine/n für seine Entscheidung zur Armee zu gehen, weiß ich doch mittlerweile auch, dass nicht alle Einheiten der Armee „Fighter“ sind, d.h. mit den Waffen beschäftigt sind, wenngleich sie dennoch dem gleichen System dienen und weiß ich doch mittlerweile auch, welche Kraft und Überzeugung es in diesem Alter kosten muss, „Nein“ zu sagen, aufzustehen und sich den Widrigkeiten auszusetzen, die dann in Gang kommen.
Und ich habe auch eine große Angst in mir, die in mir arbeitet und mich sehr beschäftigt, die Angst, eines Tages vor einem meiner Freunde zu stehen, wie letztens vor den Soldaten in der Westbank bei der Olivenernte und ihm ins Gesicht zu sehen und zu merken, dass er nicht mehr menschlich anzusprechen ist, dass er auch jenen harten, verächtlichen und herablassenden Ausdruck auf dem Gesicht haben könnte, wie diese jungen Menschen in der Westbank, die uns bei der Olivenernte gemeinsam mit Abu Said, einem palästinensischen Bauern, vor den Attacken von Siedlern schützen sollten, stattdessen aber nur Verachtung und Geringschätzung für uns übrig hatten.
Lasst mich Euch ein wenig zu der heutigen Situation in der Westbank, vor allem aber zu den Siedlungen berichten: Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurden das Westjordanland (Westbank) (zu Jordanien gehörend) und der Gazastreifen (zu Ägypten gehörend) von israelischen Streitkräften erobert und besetzt .In der Folge errichtete Israel im Westjordanland immer mehr Siedlungen, d.h. jüdische Bevölkerung siedelte sich nach und nach dort an, bebaute palästinensisches Land, baute eigene Infrastruktur auf und schuf somit Tatsachen auf der Landkarte Palästinas, die sich nicht mal eben ausradieren lassen. Heute gibt es, Ostjerusalem nicht eingeschlossen, 121 offizielle Siedlungen alleine in der Westbank, 40% des palästinensischen Landes jenseits der Grünen Linie (Beschluss von 1949) sind von Siedlungen besetzt, die Landeigentümer sind überwiegend vertrieben und enteignet worden. 260 000 jüdische Siedler leben in der Westbank, überwiegend mit der fixen Idee eines „Groß-Israel“: Diese Menschen, welche den Teilungsplan nicht anerkennen wollen und glauben, die illegitime Aneignung von Land im Namen ihres Gottes und ihrer Religion rechtfertigen zu können, werden aber leider auch noch durch die Regierung und die Armee vollkommen unterstützt. So ist es z.B. allen Siedlern erlaubt, jederzeit Waffen mit sich herumzutragen und diese bei „Gefahr“ einzusetzen und nach und nach werden die Siedlungen durch riesige Autobahnen, die ohne Rücksicht auf die dort lebende Bevölkerung und die Natur in das Land gebaut werden, mit Israel verbunden und so als natürliche Gegebenheiten ausgegeben.
Palästinensische Bauern, die über
Generationen ihre Olivenbäume dort pflanzen und beernten, werden vor
vollendete Tatsachen gestellt: Ihre Bäume werden abgeholzt und es wird
ihnen der Zutritt zu ihrem eigenen Boden unter Androhung von Gewalt verweigert.
Auch Abu Said, der Palästinenser, mit dem wir einen Tag lang als
internationale Unterstützung Oliven ernteten, hat schon mit seinem Vater
vor 60 Jahren in Palästina Olivenbäume gepflanzt. Von seinen 600
Bäumen sind heute noch 100 übrig geblieben, alle anderen wurden von
jüdischen Siedlern abgeholzt, oder stehen so nah an der Siedlung „Revava“, das er das Land aus „Sicherheitsgründen“
nicht betreten darf. Auch seine Bäume, die auf der anderen
Straßenseite stehen, die ihm eigentlich noch zu betreten erlaubt sein
müsste, sind von einem ca.
Den restlichen Tag
verbrachten wir in Harres, dem Ort, unweit es
Geländes in dem wir Oliven gepflückt hatten und waren zum Abschluss
noch bei einer palästinensischen Familie eingeladen, die selbst
Olivenöl herstellt und uns von vielen schrecklichen Vorkommnissen in ihrem
Ort zu berichten wusste. Immer wieder gebe es Erschießungen, die auf
„Missverständnissen“ beruhten. Erst einige Tage zuvor war ein
Familienvater erschossen worden, der ein Spielzeuggewehr für seinen Sohn
mit sich trug, welches die Israelis für ein echtes Gewehr und somit eine
Bedrohung hielten. Auch Kinder werden oft zu Opfern der Besatzung, wenn sie
beim Spielen mit Plastikgewehren oder Steinen eine „potentielle Bedrohung“
für die hochbewaffneten Soldaten in ihren Militärjeeps darstellen.
Mit frisch gepresstem Olivenöl, vielen guten
Wünschen und um einige Erfahrungen reicher verließen wir die
Westbank Richtung Jerusalem. Dieser Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben
und beschäftigt mich erheblich, denn soviel ich auch bereits über die
Westbank, die israelische Besatzung und die Situation in der
palästinensischen Gebieten gelesen habe, so ersetzt doch nichts die
Tatsache, dass alles mal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Das, was dort
geschieht ist eine grobe und willkürliche Verletzung der Menschenrechte
und der Mauerbau, der von der israelischen Regierung vorangetrieben wird und
weit in die Westbank gebaut wird, um auch die östlichste Siedlung noch an
Israel anzuschließen, ist schlicht und einfach gesagt Landraub und hat
nichts mit Sicherheit zu tun. Der „Sicherheitszaun“ wie ihn die meisten
Israelis nennen, ist in Wahrheit eine riesige Mauer und eine gigantische
Sperranlage, die ein gesamtes Volk einmauert und ihnen jede Möglichkeit,
einen eigenen Staat zu gründen, nimmt. Es ist ein unbestreitbarer Fakt,
dass die Mauer bisher durchaus der Sicherheit der israelischen Bevölkerung
gedient hat, die Anschläge sind beinahe um 100% zurück gegangen und
keiner möchte dem jüdischen Volk sein Bedürfnis nach Sicherheit
und Ruhe absprechen, würde die Mauer doch einfach auf der vereinbarten
Linie von1949 verlaufen. Auch dann gäbe es mit Sicherheit Einwände
gegen diese Mauer vorzubringen, die die physische und psychische Trennung
dieser beiden Völker vorantreibt und besiegelt, aber wäre sie unbestreitbar
ein Akt der legitimen Selbstverteidigung.
Zurück in Haifa ging unser Kampf im
israelisch-palästinensischen Konflikt gleich weiter,
wenn auch ganz anders und viel subtilerer Art. „Hadi we Tami“ wollten wir am 21.11. in
der Matnas, unserem großen jüdischen
Gemeinschaftszentrum in unserer Nähe, in dem wir viel arbeiten und auch
hinreichend bekannt sind, zur Aufführung bringen. Wir bereiteten also
alles vor, diesmal deutlich ruhiger und entspannter als beim ersten Mal und
begannen, unsere Poster aufzuhängen und Flyer an
die Kinder zu verteilen, auf denen sowohl in hebräisch als auch arabisch
unser Stück angekündigt wird. Bereits einige Tage steckten wir
bereits in Schwierigkeiten: Es gab zahlreiche Beschwerden bei der Koordinatin der Theaterstücke in der Matnas, wie es denn zugelassen werden könne, dass in
einem jüdischen Gemeinschaftszentrum ein Theaterstück in arabischer
Sprache aufgeführt werde. Es gab große Empörungen bis hin zum
Boykott-Aufruf unseres Stückes, unsere Poster wurden abgerissen und eine
recht vehemente Hetzjagd begann, die uns allen recht schwer zu schaffen machte,
denn gerade mit den Menschen, die sich da so heftig beschwerten, leben und
arbeiten wir zusammen und keine/r von uns hätte eine solche Reaktion
erwartet.
Ihr seht also, selbst hier, in Haifa, der Stadt, die man als die friedlichste im Miteinander von Juden und Arabern bezeichnet,
fangen die Abgrenzung, die Diskriminierung und das subtile Misstrauen schon an.
Die Angst voreinander ist groß, man kennt sich nicht. Man hat keine
gemeinsame Sprache. Man geht sich lieber aus dem Weg. Die Araber gehen in ihr
Gemeinschaftszentrum, die Juden in das ihrige. Man lebt in zwei Welten,
wenngleich auch so nah beieinander doch aneinander vorbei. Eine traurige
Tatsache, der wir uns hier tag für Tag immer aufs
neue stellen müssen und gegen die wir mit den Mitteln des Theaters
anzugehen versuchen. Wir haben also lange zusammen gesessen, überlegt, was
machen wir, wollen wir spielen, diese Kränkung hinnehmen, gerade Ahmad und
Khaled waren verständlicherweise zutiefst gekränkt. Aber zum Ende hin
stand für uns alle fest: wir spielen. Und wenn es nur vor einem Kind sein
wird, so werden wir uns nicht verstecken mit dem was wir hier machen und mit
dem was uns wichtig und wertvoll erscheint.
Mit der schnellen
Hilfe der anderen Kommune, die sich die Liste der Nörgler besorgte und
alle einzeln antelefonierte, um über unsere Gruppe, unsere Arbeit und das
Stück zu berichten, wurde die Situation dann doch ruhiger und wir konnten
noch einen anderen Erfolg verbuchen im Kampf darum, dass der Eintritt zu
unserem Stück kostenlos sein würde. Uns war es ein großes
Anliegen, dass jedes Kind, das wollte auch kommen und uns zuschauen konnte,
ohne aus Geldgründen vielleicht darauf verzichten zu müssen.
Letztendlich haben wir dann erreicht, dass die Matnas
uns genehmigt hat, das Stück ohne Kartenverkauf aufzuführen. Mit all
diesen Spannungen im Vorfeld und mit der Angst im Hinterkopf, alle 300 Stühle nicht vollzubekommen und auch mit der
Erwartung, dass es zu weiteren Komplikationen während der Aufführung
wegen der Sprachen kommen würde haben wir dann den Tag der Aufführung
begonnen. Es ist ein großer Erfolg geworden! Sowohl jüdische,
russische, äthiopische als auch arabische Kinder und Eltern haben an
diesem Tag ihren Weg in die Matnas gefunden, eine
kleine Revolution, wenn man bedenkt, dass bis zu diesem Datum die arabische
Sprache noch keinen Einzug in die Matnas gefunden
hatte. Die Aufführung lief gut, es gab keinerlei Störungen und
Zwischenfälle, dafür aber ein herzliches, offenes und sehr mitgehendes
Publikum, das uns freudig beklatschte. Wir haben es an diesem Tag wirklich
geschafft, dass Araber und Juden sich auf gleicher Ebene begegnet sind, dass
jede/r in seiner Sprache angesprochen wurde und dennoch die andere nicht
ausblenden konnte. Wir konnten zeigen: es gibt sie, beide Seiten und beide
haben ihre Berechtigung, beide ihre Ängste, ihre Zweifel, aber beide
sollten auch den Willen und den Mut haben, immer wieder aufs neue aufeinander
zuzugehen, zu hören, was der andere zu berichten und zu sagen hat, was er
fühlt und wie er lebt. Vielleicht ist uns ein kleiner Beitrag dazu mit „Hadi we Tami“
ja gelungen.
Photos: http://www.flickr.com/photos/9370585@N07/sets/72157600594265098/
Projektarbeit
Kindergarten Halissa:
Ja, wir haben endlich begonnen. Die
Kindergartentheatergruppe in Halissa hat vor drei
Wochen ihren Anfang gefunden und es läuft bisher ganz großartig. Die
Kommunikation mit den Kindern läuft sowohl auf der nonverbalen Ebene als
auch auf der verbalen Ebene über die Erzieherinnen ganz wunderbar. Eine
Stunde in der Woche machen wir zusammen Theater, zur Zeit beschäftigen wir
uns intensiv mit den Tieren, wie sie aussehen, sich verhalten, wie sie leben
und auch was sie fühlen. Ich bin glücklich, dass Michael und ich
zusammen diesen nicht so einfachen Schritt gewagt haben, den sowohl für die
Kinder als auch für uns ist die Zusammenarbeit immens wichtig und
trägt schon jetzt ihre Früchte.
Noch immer sind wir,
das Projekt und ich auf Spenden angewiesen, um unsere Arbeit hier konstant
fortzusetzen. Ich danke Allen, die mich bisher
unterstützt haben und freue mich sehr über weitere kleine und
große Spenden, die es möglich machen, dass ich dem Projekt meine
Kosten erstatten kann (die Hälfte habe ich bereits dank Eurer Spenden
zusammen). Wenn Ihr also Ideen habt, an wen ich mich
wenden kann, welche Stiftungen, Privatpersonen oder Unternehmen ein offenes Ohr
und ein Budget für solche Projekte haben, lasst es mich wissen! Ich suche
auch weiterhin Patenschaften mit Kursen und Schulklassen, Vereinen oder anderen
Interessierten, die mich symbolisch unterstützen und dafür regelmäßig
mit direkten Informationen aus dem heiligen Land
versorgt werden, gerne komme ich nach dem Jahr auch zu Besuch und berichte
über unser Projekt, die politische Situation und die historischen
Hintergründe.
Alle Ideen für
finanzielle Unterstützung, aber auch für die Möglichkeit, mehr
über das Projekt und die dieses wunderbare Land zu berichten und an
Menschen weiterzugeben, sind mir sehr willkommen!
Ich wünsche Euch allen, bis ich viele von Euch bald wiedersehe,
schöne, besinnliche, friedliche und schöne vorweihnachtliche Tage, „Chag sameach“, wie man hier sagt.
Bis bald,
Eure Amina
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