Nemashim

 Arabisch-Hebräische Theatergemeinschaft

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 Photoalbum

arab-jewish theater community

Communauté de théâtre hébreux-arabe 

شباب يعيشون مسرح

palästinensisch-jüdisches Jugendtheater

ðîùéí - ðåòø îùç÷ ùìåí

 

 

Liebe Freunde!

Im letzten Bericht hegte ich Zweifel darüber, ob unser Projekt einen weiteren Bericht erleben würde. Die finanzielle Krise, die wir seit mehreren Monaten durchmachen, bedroht uns heute noch mehr. Der allzu dünne Faden, der immer noch versucht, die natürliche Wirkung, die die Gravitation auf das Damoklesschwert ausübt, aufzuhalten, verliert langsam seine Kräfte. Wir haben zwar noch keinen endgültigen Entschluss gefasst, aber wir mussten im letzten Monat den Gürtel noch enger schnallen, weniger machen, mehr hoffen.

 

Ich möchte in diesem Bericht ein bisschen ausholen und auch über das soziale Umfeld berichten, da ja in europäischen Medien nicht viel bis gar nichts über innenpolitische Angelegenheiten zu finden ist. Nur über Annapolis sprechen alle, aber wie die israelische Gesellschaft von innen in immer kleinere Stücke zerreißt, und ob es vielleicht auch Kräfte gibt, die dagegen ankämpfen und Solidarität und Zusammenhalt üben und praktizieren, dafür scheint sich niemand zu interessieren.

 

Doch zuerst einmal über die Eröffnung des neuen NEMASHIM-Kurses. Wir haben am Wochenende des 9./10. Novembers eine neue (sechste seit 2002) Reihe von Theater-Wochenendseminaren eröffnet für Jugendliche im Alter von 17-19 Jahren.

Dieses Jahr werden wir das Seminar in Ness-Amim halten. Dieses Dorf nahe an der libanesischen Grenze wurde in den 60-er Jahren von holländischen Christen gegründet, und seither unterstützen diese auch Programme wie unsere.

Zu diesem ersten Treffen kamen 8 Jugendliche, 7 hebräischsprechende junge Frauen und Männer und eine arabischsprechende junge Frau, 6 in der letzten (Maturitäts-)schulklasse, und zwei ein Jahr älter. Das war sehr enttäuschend, aber erstens ist ziemlich sicher, dass beim nächsten Treffen im Dezember noch vier weitere AraberInnen zur Gruppe hinzustoßen, und zweitens war die Gruppe selber sehr gut, und sie haben sehr interessant gearbeitet. Wie immer war der erste Abend klassischen Monologen gewidmet, wie der Monolog von Laurencia  aus „Fuente Ovejuna“ von Lope de Vega. Dieses Stück ist sehr aktuell heute in Israel und deswegen auch einigermaßen populär, denn es geht um eine fremde Besatzungsmacht und um die Wege, diese zu bekämpfen.

Auch das Programm am nächsten war wie gehabt, aber jedes Mal sieht es natürlich anders. Joni diskutierte mit uns zwei Seminarleitern, Shadi und Uri, warum wir denn den Unterschied zwischen Arabern und Juden so herausstreichen müssten, wir seien doch alle gleich. Ich sagte ihm: „Schau, eigentlich bin ich ja mit dir einverstanden. Aber wenn die unterdrückte Minderheit mir – der ich der unterdrückenden Mehrheit angehöre – sagt: ‚Nein! Ich bin anders!’, dann wird mein Argument, dass wir alle gleich sind, zu einem unterdrückenden Argument, nicht zu einem befreienden.“

Die Sache ist natürlich noch viel komplizierter, aber wir wollten ja nicht den ganzen diskutieren, und so gingen wir danach zum spielen über. Wie immer musste jedeR eine Figur „der andern Seite“ spielen. Miyar, eine junge Araberin aus Akka, spielte eine junge Israelin aus Herzliya Pituah, und sie machte perfekt den Slang der verwöhnten High-Society-Puppen nach, deren größtes Problem im Leben ist, wenn Papi ihnen einen Jaguar statt einen Porsche zum Geburtstag schenkt. Leider sind heute in Israel 2007 solche groteske Figuren Realität, genauso wie hunderttausende hungerleidende Kinder heute in Israel (nicht nur in den Flüchtlingslagern in den besetzten Gebieten) grausame Realität ist.

Mit der Hoffnung, dass nächstes Mal mehr arabische Jugendliche am Seminar teilnehmen, trennten wir uns nach eineinhalb Tagen. Es ist viel schwieriger, arabische Jugendliche für das Seminar zu finden, und wenn wir mehr Geld hätten, könnten wir die Rekrutierung sehr viel intensiver gestalten. Trotzdem haben wir es geschafft, dass in den letzten 5 Jahren von 56 TeilnehmerInnen immerhin 17 (30 %) AraberInnen waren. 

  

Nun will ich ein bisschen über die neue Kommune erzählen. Am 13. Dezember, gleich nach Hanukka, geht der Vorhang auf für „Wohnung zu vermieten“, adaptiert von der Kindergeschichte von Lea Goldberg, natürlich in Hebräisch und Arabisch. (All dies natürlich in der Annahme, dass wir weitermachen.) Im Bereich der Gemeindearbeit arbeitet Enav mit 13-15-jährigen Mädchen in Halissa, Yael und Marwan mit 4-6-jährigen Kindern, auch in Halissa, Elad mit genauso kleinen in Neve Yossef und auch, zusammen mit Or, mit homosexuellen Jugendlichen. Außerdem arbeiten Yael und Sapir mit 11-jährigen Kindern von Kollaborateuren. Weitere Gruppen sind am Entstehen.

Was das Rekrutieren von weiteren Gruppen, vor allem Jugendlichen, hinauszögert, ist der lange Lehrerstreik, der nun ein Monat lang dauert. Ich bin ja selber auch Mittelschullehrer, und es tut mir weh, meine SchülerInnen zu verlassen, aber viel mehr tut mir weh, schon 15 Jahre lang, dass ich auf einer der tiefste Stufen der israelischen Einkommenstreppe stehe. Einen wichtigen Sieg haben wir Lehrer jetzt schon davongetragen: Die landwesweite Unterstützung des Streikes ist sondergleichen, und nun hat uns auch das Gericht recht gegeben. Das ging so:

Unsere Gewerkschaft drohte schon seit April mit Warnstreiken, regionalen eintägigen Streiken, Demonstrationen usw. Als am 10. Oktober der große Streik Tatsache wurde, drohte das Erziehungsministerium und das Finanzministerium schon nach einer Woche mit einer Klage beim Arbeitsgericht. So eine Klage hat zum Ziel, dass die 44000 streikenden Lehrer gezwungen werden, an die Arbeit zurückzukehren. Bald darauf organisierte sich eine Gruppe, am 23. Oktober, von LehrerInnen, die eine Unterschriftensammlung unter LehrerInnen in Umlauf brachte, die aussagte, dass jedeR unterschreibende LehrerIn sofort die Arbeit kündigt, falls er/sie per Gerichtsbeschluss gezwungen würde, wieder Schule zu geben, ohne irgendwelchen Erfolg. Auch ich habe diese Petition unterschrieben, obschon dies mir sehr schwer fiel. Vor zwei Jahren habe ich folgendes geschrieben:

 

Seit dreizehn Jahren unterrichte ich in Israels Mittelschulen (Gymnasien). Ich unterrichte gern, und ich habe immer noch und immer wieder große Hoffnungen, wenn ich neue 15-jährige SchülerInnen kennenlerne. Ich weiß sehr wohl, welchen Einfluss ich auf meine SchülerInnen habe, noch besser weiß ich aber, wie klein dieser Einfluss ist, im Vergleich mit allen andern Elementen.

Seit September 2000, seit nunmehr mehr als vier Jahren, habe ich keinerlei Hoffnung mehr, dass Israel selber fähig ist, sich von der mörderischen Besatzung zu befreien. Ich arbeite nicht dafür, dass meine SchülerInnen eine Veränderung herbeiführen, wie es die Menschen vor einer Woche bei unserer nördlichen Nachbarin gemacht haben, die ich sehr beneide. Ich arbeite, weil ich die Hoffnung habe, dass eines Tages dieser Horror vorbei sein wird, und dass es dann ein paar SchülerInnen geben wird, die sich erinnern werden, an Werte, Humanismus, Menschenrechte, Mitmenschen, Solidarität und Tief-Einatmen-und-ruhig-Ausatmen.

Diese Zeit ist noch nicht da. Sie ist noch weit entfernt. Aber ohne Hilfe von außen wird sie nie kommen. (Ich meine nicht amerikanische “Hilfe”…..   ….)”

 

 

 

 

Adi Eldar, der Vorsitzende der Vereinigung der regionalen Regierungen, bot sich, zwischen den beiden Seiten zu intervenieren. Aber dann, am 31. Oktober, schlug er sich auf die Seite der Regierung und verriet dabei nicht nur die Lehrer, sondern auch seine Vereinigung, die den Streik unterstützte. Die Forderung ans Gericht, die Lehrer zum Schulegeben zu zwingen, machte den Streik noch populärer, und das Gericht gab erst nach fast einer Woche den streikenden LehrerInnen recht.

Eine andere innenpolitische Angelegenheit, die auch mit unserm Projekt zu tun hat, ist der 12. Jahrestag des Mordes an Itzhak Rabin, vor einer Woche. Traurigerweise viel dieses Datum mit der Beschneidung des Sohnes des Mörders Igal Amir zusammen. Traurig vor allem darum, weil sich immer mehr Israeli offen zu Igal Amir bekennen.

Ich möchte wieder einmal betonen, dass es für mich natürlich nicht um die Person von Itzhak Rabin geht. Wer mich ein bisschen kennt, kann sich das ausrechnen. Ich höre noch Biermanns Stimme schreien: „Terror (individueller) ist nach Marx ein grober Fehler“ (Stasi-Ballade). Die Chemie der Explosionsstoffe kann die Masse nicht ersetzen, sagte Trotzki 1901. Aber vor allem: Nicht Macht und Gewalt sollen mich zwingen. Ich will verstehen, einverstanden sein, überzeugt werden.

Und das bringt mich auch schon zum eigentlichen aktuellen zwingenden Anlass dieses Schreibens: der Freitag, der 16. November ist der internationale Tag der Toleranz, wer’s nicht wusste. Und am 12. November hat die Knesset (das israelische Parlament in Jerusalem) zum ersten Mal eine Konferenz beherbergt (nicht organisiert, das hat die Dachorganisation der Koexistenzgruppen gemacht), und wir (NEMASHIM) wurden auch eingeladen. Eigentlich wollte ich filmen und photographieren, aber beim Eingang der Knesset wurde mir alles abgenommen. Mehr als hundert OrdnerInnen sorgen dafür, dass keiner mit Jeans in diesen heil’gen Hallen herumläuft, und bestimmt haben sie noch mehr Aufgaben, von denen ich keine Ahnung habe.

Der Vorsitzende dieser Konferenz war Knessetabgeordneter Michael Melchior, der übrigens, ganz am Rande bemerkt, auch Vorsitzender der Erziehungskommission der Knesset ist, und unzweideutig für den Lehrerstreik Partei genommen hat. Mehr zu ihm bei seiner website:

http://www.melchior.org.il/english/index.asp

Andere anwesende Knesset-Mitglieder waren Dov Hinin (über den Uri Avnery schreibt: „ein Anwalt, die Nr.3 auf der Liste (der kommunistischen Partei), eine talentierte, anständige und aktive Person.“ http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_Israel_juedische/Uri_Avnery/avnery_uri_wen_waehlen.htm ) Er sprach über die Notwendigkeit des jüdisch-arabischen Zusammenlebens; Nadia Hilo (Avoda), die Ähnliches sagte.

Ein anderer wichtiger Teilnehmer der Konferenz war der amerikanische Botschafter Richard Jones, der einen erstaunlich angenehmen und glaubwürdigen Eindruck machte. Er widmete dem Tag der Toleranz die Rede von Robert Kennedy vom 5. April 1968, am Tag nach der Ermordung von Martin Luther King (http://www.rfkmemorial.org/lifevision/onthemindlessmenaceofviolence  ). Die Schriftstellerin Nava Semel (http://www.perlentaucher.de/autoren/7122.html) sprach über Geduld und Erdulden (tolerieren im lateinischen Ursprung ist erdulden. Im Hebräischen stammen beide Wörter Geduld und Toleranz vom Wortstamm, der Leid, ertragen und erdulden bedeutet), darüber dass Toleranz eine schwere Aufgabe sei. 

Der arabische Dichter Samih al-Kassem (http://www.freunde-palaestinas.de/page/arabisch/samih/samih.html) war ein bisschen besserer Stimmung, schien es. Er erzählte, wie er reagierte, als Shimon Peres, Itzhak Rabin und Jasser Arafat den Friedensnobelpreis erhielten: “Ich sagte: ‘Vielleicht hätten sie einen Literaturnobelpreis erhalten müssen, aber den Friedensnobelpreis, den sollten bestimmt die Künstler, die Schriftsteller erhalten, die ja schon seit Jahrzehnten für den Frieden arbeiten, nicht diese Politiker!’“ 

Danach stellten ein paar der anwesenden Gruppe ihre Arbeit dar. Jede Gruppe erhielt 7 Minuten. Wir zeigten drei Minuten aus dem Straßentheaterstück, das wir in Akko zeigten (http://www.youtube.com/watch?v=cBXK-HYNMX4), danach erklärte Sapir von der Kommune eine Minute lang und zum Schluss zeigten wir einen dreiminütigen Film, den ich extra dafür geschnitten hatte. Das war unser Auftritt in der Knesset. 7 Minuten. Aber die waren gut.

Von Melchior, der auch warme und weise Worte bereit hielt, erhielten wir alle zum Schluss Urkunden, die unsere Arbeit anerkennt. Geld haben wir zwar bei dieser Reise nach Jerusalem nur ausgegeben und nichts erhalten, aber immerhin: Anerkennung. 

Das wars für heute. Nicht so ausführlich wie die Berichte von Amina letztes Jahr, aber ich hoffe, es gab trotzdem einen Einblick. Es tut mir leid, dass ich das folgende wieder sagen muss: auch eine bescheidene Spende, wenn sie von vielen käme, könnte uns vielleicht retten.

Postcheck-Konto in der Schweiz für Spenden :
Vermerk „THEATER FUER FRIEDEN” 
Spenden in sfr: Konto Nr. : 80-56320-4
Spenden in Euro: Konto Nr.: 91-422430-8
 
 
 
 

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