Nemashim

Arabisch-Hebräische Theatergemeinschaft

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arab-jewish theater community

Communauté de théâtre hébreux-arabe 

شباب يعيشون مسرح

palästinensisch-jüdisches Jugendtheater

ðîùéí - ðåòø îùç÷ ùìåí

 

 

Diesmal wieder ein Bericht von Amina. Die Photos von Daniel (IL), die Kommentare zu den Photos von Uri.

 

Nemashim-Rundbrief Mai & Juni

 

Ihr Lieben,

 

Nach einer wieder etwas längeren Rundbriefpause sitze ich nun hier, um Euch den vorletzten Bericht über uns und unsere Arbeit in Haifa zu schreiben.

Ja, die Kommunenzeit neigt sich für uns alle ihrem Ende entgegen, wir schauen auf zehn gemeinsame Monate zurück und sehen noch knapp zwei gemeinsamen entgegen.

Und wie immer ist viel passiert bei uns, vieles hat sich getan, geändert, weniges nur ist gleich geblieben.

Manche von Euch mögen vielleicht aufatmen, manche es schade finden, aber es gibt dieses Mal nicht viel zu berichten, über das Kommunenleben, unser Miteinander im Alltag, unsere großen und kleinen Probleme und Nöte, unsere zwischenmenschlichen aber auch kulturellen Konflikte. Denn erst seit zwei Wochen sind wir wieder zusammen, als Kommune, als Gruppe und auch erst seit Wochen stehen wir wieder gemeinsam auf der Bühne.

 

 

Mitte Mai bin ich nach Deutschland geflogen, ich habe dort meine Zeit genutzt um einige Vorträge über „Nemashim“ zu halten, ein wenig zu berichten, wie das so ist, hier zu leben, in Israel, zusammen mit jungen Juden und Arabern und Theater zu machen. Es hat sich gelohnt, persönlich für mich, aber vor allem auch für das Projekt. Ich konnte eine ansehnliche Summe sammeln, die vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen wird, dass die neue Kommune hier wird ebenfalls ein Jahr leben und arbeiten können. Und das ist sie, die freudigste Mitteilung die ich Euch gleich zu Beginn dieses Rundbriefes nicht vorenthalten will: es gibt eine neue Kommune. Eine ausgesuchte Gruppe aus einigen TeilnehmerInnen des letzten Workshops wird uns hier Mitte August ablösen und in unsere Wohnung hier in Halissa einziehen. Wir sind alle sehr glücklich über diese erlösende Botschaft, denn noch vor einigen Wochen eine Entscheidung aufgrund finanzieller Probleme nicht möglich.

Wir sind in einem guten Kontakt mit den „Neulingen“, sie kommen zu unseren Aufführungen, schlafen ab- und an hier und wir sind in einem regen Austausch. So werden wir als „alte Hasen“ auch in den ersten Wochen mit Rat und Tat beim Einzug in die gemeinsame Wohnung zur Seite stehen.

Aber lasst mich ein wenig von vorne beginnen. Von vorne, das bedeutet eigentlich, an meinem letzten Rundbrief anzuknüpfen, der ja nun doch schon einige Monate zurück liegt. Aber Uri ist ja kurzfristig für mich eingesprungen und hat somit wenigstens die wichtigsten Neuigkeiten schön auf den Punkt gebracht.

Unsere Premiere mit „Shatof“ und die Reaktionen der ZuschauerInnen darauf haben unsere Erwartungen und Hoffnungen um einiges übertroffen. Die Arbeit an diesem Stück ist uns nicht leicht gefallen, wir haben hart für diese Produktion und ihr Bestehen gekämpft und uns die Wochen vor und während Pessach mit den harten Proben im Bunker in unserer Straße (die Matnas war geschlossen) beschäftigt. Uri hat einige unserer Texte, die wir uns im Laufe der Probenarbeit als Hilfsmittel zum besseren Verständnis des Stückes und unserer Charaktere geschrieben haben, online gestellt. Ihr findet sie unter www.mideastweb.org/nemashim bei den aktuellen deutschen Berichten  (als Link im laufenden Text). Zudem findet Ihr unter der Rubrik „Bilder“ ein Fotoalbum mit wunderbar gelungenen Bildern dieses Abends. Daniels Vater, ein Fotograf, hat sie gemacht.

Nun tingeln wir mit bereits zwei Produktionen durchs Land, zeigen mal hier und mal dort „Hadi und Tami“ oder „Shatof“ und freuen uns über kleine und große begeisterte ZuschauerInnen. Unter anderem haben wir auch auf dem internationalen Pantominefestival mit „Shatof“ zweimal aufgeführt und gute Kritiken erhalten. Ansonsten war unsere Zeit ausgefüllt mit der Arbeit in unseren Gruppen (dazu später mehr) und der Organisation für das Theaterfestival in Neve Yosef, initiiert von der letzten Kommune und weitergeführt von uns.

Wie immer war ich auch viel unterwegs, unter anderem Anfang Mai im Sinai in Ägypten, und genieße weiterhin das Entdecken dieses wunderschönen Landes, gerade im Frühjahr waren die Temperaturen dafür noch sehr angenehm.

Deutschland war dann ein Einschnitt in diese Zeit, es fiel mir nicht leicht zu gehen, früher als die anderen, für einen Monat weg zu sein, aus diesem Leben hier, von meinen Gruppen und den Freunden, die ich hier finden konnte.

Als ich dann zwei Wochen nachdem ich in Deutschland angekommen war, am Flughafen Daniel, Renana und Khaled in Frankfurt in Empfang nehmen konnte, da war ein Stück Israel bei mir in Deutschland angekommen. Wir hatten zwei wunderschöne und erfahrungsreiche Tage in Wiesbaden, es war die Erfüllung eines großen Traumes für mich, meinen Freunden meine Heimat zeigen und ihnen auch ein wenig an Gastfreundschaft zurückgeben zu können, die ich hier tagtäglich durch sie und ihre Familien erfahren konnte. Traurige Präsenz hatte das Fehlen von Ahmand und Or. Beide sind in Israel geblieben, der eine aus einem schönen, der anderen aus einem eher schlimmen Anlass. Ahmand´s erste Schwester hat in Nazareth geheiratet, eine Selbstverständlichkeit, das dies der Reise nach Deutschland vorging. Or, der bereits ein Flugticket hatte, musste kurzfristig aufgrund schwerer gesundheitlicher Probleme in Israel bleiben.

So waren wir dann doch nur vier und dieses Gefühl des nicht-komplett-seins sollte uns dann auch die nächsten zwei Wochen nicht verlassen.

 

Multinationales Theaterprojekt in Deutschland

 

Nun, zurück in Israel, haben wir Ahmad und Or wieder. Aber ein anderes Gefühl des Vermissens ist entstanden. Wir vermissen unsere Freunde aus Gießen, aus Bologna, aus Bulgarien und Peru, die wir in Deutschland bei unserem gemeinsamen Theaterprojekt kennen gelernt hatten.

Initiiert vom evangelischen Jugenddekanat Giessen und mit finanziellen Zuschüssen von Bund und Ländern war möglich geworden, was Anfang des Jahres noch als ein vager und kaum realisierbarer Traum erschien: Wir waren nach Deutschland eingeladen um dort, gemeinsam mit anderen Jugendlichen (Deutschen mit Einwandererhintergrund, deutschen Stundenten und drei italienischen Schauspielern), zusammen zu leben und ein gemeinsames Theaterstück für den Kirchentag in Köln auf die Bühne zu bringen. Und so trafen wir uns dann Mittwochs in Gießen als Unbekannte. Shadi und Uri waren nun ebenfalls in Deutschland angekommen. Nur eines wussten wir sicher: In zehn Tagen sollten wir gemeinsam mit einem Stück mit dem Titel „eine Hand durch die Wand“ auf der Bühne stehen.

Die gemeinsame Zeit in Deutschland zu beschreiben, mit all ihren Erlebnissen, Erfahrungen, Momenten, Begegnungen, Höhen und Tiefen, vor allem aber mit ihrer unglaublichen Intensität, würde den Rahmen dieses Rundbriefes sprengen und egal auch, wie viel ich schreiben würde, es wäre mir nicht möglich wiederzugeben, was in diesen zwei Wochen innerhalb unserer Gruppe, aber vor allem in der Gruppe als ganzes an zwischenmenschlichem Austausch statt gefunden hat und wie sehr uns dieser geprägt hat und auch hier im Alltag Tag für Tag begleitet.

In Bad Nauheim bezogen wir in wunderschöner Lage im Wald das Selbstversorgerhaus der christlichen Pfadfinder, wo wir bis zu unserer Reise nach Köln blieben.

Die täglichen Proben, geleitet von Juanita, einer Schauspielerin und Regisseurin aus Peru, die unsere gemeinsame Zeit und die Tagesabläufe hauptsächlich bestimmten, fanden ebenfalls in Bad Nauheim, allerdings aber in den Räumen der evangelischen Gemeinde statt.

 

 

 

Links die Regisseurin Juana, daneben unser Khaled, in Giessen, am ersten Tag

 

Knapp 20 Leute waren wir, aus acht verschiedenen Herkunftsländern (Argentinien, Polen, Russland, Bulgarien, Peru, Italien, Israel/Palästina, Deutschland) und zusammen gab es zehn Muttersprachen zu hören, zu sprechen, zu verstehen oder eben auch nicht zu verstehen. Ein einzigartiges „Balagan“ (Durcheinander), wie man hier in Israel sagt. Diese wunderbare Vielfalt kostete uns oft viele Nerven, noch öfter aber viele Lachanfälle und besondere Insider-Witze, die wir noch heute zum besten geben, wenn auch nur wir wenigen wissen, warum es so witzig ist mit italienischem Akzent „Maschu, maschu“ (hebräisch: etwas, etwas) zu sagen, das deutsche Wort „Ausfahrt“ mir arabischem Akzent lauthals herauszubrüllen oder den Satz „wir schauen das mal an“ mit spanischem Akzent in sehr liberal auslegbarem Deutsch nachzuzwitschern. Jede Sprache fand ihren Platz, ihre Situationskomik und ihre fleißigen LehrerInnen und SchülerInnen, vor allem aber ihren Wert und ihre Bedeutung in der Gruppe. Englisch als gemeinsame Sprache teilten wir (fast) alle, mehrheitlich, vor allem aber in den Proben fand die Kommunikation hauptsächlich über Bewegung, Körperausdruck und den gefühlten Augenblick statt. Hier war das gesprochene und bedeutsame Wort zweitrangig, viel wichtiger war es für Juanita, die Macht des Momentes zu nutzen, die Energie der Gruppe aufzugreifen und aus dieser ergreifende Bilder entstehen zu lassen, die wir nach und nach zu Szenen entwickeln sollten. So war unsere beste gemeinsame Sprache das gemeinsame Theaterspiel, dem wir uns jeden Tag aufs Neue mit viel Ernsthaftigkeit, Motivation und ganz unterschiedlichen Erfahrungsebenen, persönlichen Schwächen und Stärken und natürlich auch unterschiedlichen Ansprüchen stellten. Oft passierte es aber, dass nicht wir das Theater machten, sondern das Theater etwas mit uns machte, dass durch Juanitas geschickte Anleitungen Dinge geschahen, die ihren Platz immer sehr genau zwischen unserer eigenen Erfahrungsebene und Erlebniswelt und dem bewussten in-eine-Rolle-schlüpfen fanden.

 

 

Daniel (Israel), Martin (Deutschland), Amina, Jana (Deutschland), im botanischen Garten in Giessen, oder war es der zoologische?

 

 

 

 

Es waren Proben, die uns ungewöhnlich viel Kraft kosteten. Wir, die wir mit viel Erfahrung und Theaterhintergrund glaubten bereits viel über das Theater zu wissen, lernten mit viel Begeisterung ganz neue Dinge an uns und an den Möglichkeiten des Theaters kennen und so überließen wir uns Juanitas sehr eigenen Methoden, die inspiriert waren durch die Methoden Grotowskis und Boals und ihren Beginn jeden Morgen mit intensiver Körperarbeit und Selbstwahrnehmungsschulung fanden.

Mit der Intensität der Probenarbeit, die uns auch emotional sehr schnell füreinander öffnete und den ohnehin gemeinsamen Tagesabläufen, den gemeinsam vorbereiteten Mahlzeiten (jeden Tag kochte eine kleine Gruppe das jeweils für ihr Land typisches Gericht) wurden aus den verschiedenen kleinen Gruppen (Italienern, Deutschen, Israelis) ganz schnell eine große Gruppe, in der sich kulturelle und sprachliche Unterschiede ganz schnell auflösten oder besser gesagt zu einem bunten Miteinander vermischten.

Die Nächte wurden kürzer, die Tage und Proben länger, die Müdigkeit größer, die Stimmung in der Gruppe aber eigentlich immer besser und das Miteinander selbstverständlicher und vertrauter.

 

 

Die Küche in Bad Nauheim. Daniel (Israel) und Sofía (Argentinien-Deutschland)

 

Bei der gemeinsamen Probenarbeit wurden die Bilder und Szenen, die wir in den ersten Tagen durch Juanitas Anleitung und durch die grobe Vorgabe „Krieg und Versöhnung“ durch reine Improvisation entstehen lassen hatten, immer konkreter und durch die Vorarbeit der „deutschen“ Gruppe entstand ein immer klareres Bild unseres Endziels, den Aufführungen auf dem Kirchentag in Köln.

Auch erarbeiteten wir uns eine Art Parade, die wir, losgelöst von der Probenarbeit für das Stück, als kleines politisches Statement und vor allem als buntes Bild unserer Gruppe in der Giessener Innenstadt und in Köln an der Rheinpromenade aufführten.

 

 

 

Uri, im Rollstuhl, betreut von Andrea (Italien), mit Maske, und Lukas (Polen-Deutschland), Proben für die Parade

 

 

Der Abschied von Bad Nauheim, „unserem“ Haus im Wald und den dort geschaffenen Erinnerungen und Momenten fiel schon sehr schwer, weil somit unsere Premiere und auch die Zeit des Abschieds näher rückte.

Donnerstags kamen wir in Köln und der Schule in der wir schlafen sollten an, Freitags standen wir zum ersten Mal vor Publikum gemeinsam mit unserem „Baby“ (Juanita) auf der Bühne, Samstags dann zum zweiten und bereits zum letzten Mal.

Die Begegnung zwischen uns, dem Stück und dem Publikum war eine sehr intensive und auch nicht ganz leichte, verlangten wir schließlich den ZuschauerInnen sehr viel ab- und das nicht nur beim Zuschauen.

Denn das Publikum war aktiver Part unseres Stückes und unsere Botschaft nur vermittelbar, in dem wir die Trennung zwischen dem aktiven Schauspieler und dem passiven Zuschauer auflösten.

So war die zweite Szene eine Beerdingungsszene, in der zwei Trauergruppen, eine in schwarz, eine in weiß, ihre Toten zu Grabe tragen wollten, klagend, trauernd und weinend, vor allem aber die andere Gruppe anklagend. Die eine Gruppe wollte die jeweils andere für den Tod des geliebten Menschen verantwortlich wissen. Nun verließen wir alle nach Rache schreiend, uns beschimpfend und bekämpfend die Bühne, zurück blieben nur ein weißer und ein schwarzer Vertreter der Trauergruppe, die diesen Anschuldigungen und dem Geschrei nach Rache nicht nachgegeben hatten, sondern sich auf ihren Wunsch nach der würdigen Bestattung ihrer Geliebten besannen. Es folgte die Annäherung und Versöhnung dieser beiden Menschen (auf Hebräisch und Deutsch), die dann aber feststellten, dass sie zu zweit die Kraft für die Beerdigung nicht aufzubringen vermochten. Und nun war das Publikum gefragt: „helft uns, unsere Toten zu beerdigen“. Mit diesem Spruch und ausgestreckter Hand liefen Uri und Jana ins Publikum. Aus ZuschauerInnen wurden Akteure in unserem Stück, ungeachtet ob diese die Hilfe anboten oder, was auch vorkam, ablehnten. Die Menschen reagierten auf diese Aufforderung, viele mit Tränen, einige mit Hilfe, andere mit kompletter Verweigerung.

Noch härter forderten wir das Publikum als wir eine Geiselnahme inszenierten, in dem einige von uns sich ebenfalls unbemerkt ins Publikum setzten, andere von uns dann als Terroristen verkleidet und mit Waffen das Publikum in Geiselhaft nahmen. Sophia, unsere jüngste Teilnehmerin (mit 14 Jahren) stand auf der Bühne, eine zierliche Gestalt mit weiten Kleidern, die ihren Mantel öffnete um ihren Sprengstoffgürtel zu offenbaren. Das Publikum (einige von uns) reagiert darauf mit der Annahme, diese Szene gehöre zu der Inszenierung, die es sich angucken wolle. Dann wird klar: es ist ernst (im Spiel). Wir sitzen als SchauspielerInnen als Publikum verkleidet im richtigen Publikum und erleben eine „echte“ Geiselnahme, in der bereits die erste Geisel erschossen wurde. Ein Baby im Publikum beginnt zu schreien, die Situation kippt. Sophia, die junge Selbstmordattentäterin bricht auf der Bühne zusammen, schreit und weint lauthals nach ihrer Mutter.

 

 

Proben der Geiselnahme. Da haben wir noch gelächelt...

 

 

Das Baby im Publikum (in meinen Armen als Puppe) schreit weiter, ich (als Schauspielerin) bin verzweifelt, habe Angst vor der Entdeckung meines Kindes. Plötzlich legt die Zuschauerin links neben mir den Arm um mich, schaut mich mit Tränen in den Augen an und sagt: „Keine Angst, wir passen zusammen auf Dein Kind auf“. Es ist schwer für mich die Szene zuende zu spielen. Die Amina in mir möchte in diesem Moment dieser Frau danken, für diese Reaktion. Aber ich muss die Szene zu ende bringen und schnell wieder hinter die Bühne. Aber es bleibt diese beeindruckende Erfahrung, in der Theater und Wirklichkeit sich vermischt haben und ein Mensch einem Mensch zur Seite stand, egal ob als Zuschauer oder als Schauspieler.

Und es bleibt eine große Stille im Raum, den unsere Aussage oder vielmehr Frage am Ende der Szene ist in unserer heutigen, von der Terrorangst geprägten Gesellschaft, ebenso gewagt wie notwendig: Was ist, wenn man den Menschen hinter der Maske der Anonymität des Terrors sieht? Wer ist dann noch Täter und wer ist Opfer? Und wer instrumentalisiert hier vor allem wen und wen verteufeln wir, aus Angst und Unwissen? Und welcher neue Terror entsteht gerade daraus?

Am Ende dann, in der letzten Szene, versöhnen wir uns mit dem Publikum. Jede/r von uns geht aus dem Publikum heraus auf die Bühne, findet seine Position, die für ihn/sie Frieden bedeutet. Jede/r macht einen Laut dabei. Nach und nach füllen wir die Bühne mit unseren Bewegungen und Tönen, wie eine Maschine, rythmisch, jeder erfüllt seinen Part. Dann findet Begegnung statt, Bewegung, Kontakt. Unsere Töne mischen sich, werden zu einem, nicht einheitlichen, aber harmonischen Gesang der ein bisschen wie ein Gospel anmutet. Khaled lädt das Publikum zum mitklatschen ein. Die Brücke ist geschlagen, von der Bühne zum Leben, von uns zu den ZuschauerInnen. Jede/r hat seinen Ton, seine Stimme eingebracht, seine Idee von einer friedlichen Welt. Keine Idee gleicht der anderen, aber alle zusammen artikulieren eine Hoffnung, nicht mit einer Stimme, nein, mit vielen verschiedenen.

 Zum schönen Gesang von Daniel und den hebräischen Liedzeilen „jihjé tov“ (alles wird gut sein) schlafen wir auf der Bühne gemeinsam ein. „Alles wird gut sein“. Eine Hoffnung, in deren Sinne wir gearbeitet haben, eine Hoffnung die uns bleibt, trotz allem.

 

Hinter der Bühne ist dann auch alles ganz schön gut. Weinend und lachend liegen wir uns in den Armen. Ein letztes gemeinsames Abendessen, eine durchtanzte und durchwachte Nacht, ein tränenreicher und schwerer Abschied am nächsten Morgen. Wir alle kehren in unseren Alltag zurück. Aber wir wissen, wir haben uns nicht zum letzten Mal gesehen, wo auch immer. Denn schließlich: „jihjé tov“.

 

Theaterfestival in Neve Yosef und Arbeit in der Nachbarschaft

 

Schon knapp zehn Tage später stehen uns die nächsten großen Auftritte bevor, dieses Mal wieder nur wir als „Nemashim“, zurück gekehrt aus Deutschland, wieder vereint mit Ahmad und Or. Es ist Theaterfestival in Neve Yosef, ein Theaterfestival der besonderen Art, das die Kommune im letzten Jahr mit initiiert hat und das der Nachbarschaft in Neve Yosef die Möglichkeit geben soll, all die in den Gruppen und Workshops erarbeiteten kleinen und großen Produktionen in einem größeren Rahmen auf die Bühne zu bringen. Wir sind dabei, natürlich, mit „Hadi weTami“ von circa 150-200 arabischen und jüdischen Kindern und abends mit „Shatof“, das durch die in Deutschland gemachten Erfahrung noch mal eine ganz neue Dynamik und Energie bekommt.

Aber auch ansonsten sind wir auf dem Festival vertreten, mit Straßentheater, musikalischen Beiträgen, mit „Naschim bacafe“ „Frauen im Café“, das wir mal zusammen für den Frauentag im Dezember inszeniert und noch mal neu bearbeitet haben.

Für Michael und mich war das Festival zudem besonders aufregend, da ein kleiner Traum wahr wurde: Unsere arabische Kindergartengruppe aus Halissa durfte in Neve Yosef, dem jüdischen Gemeinschaftszentrum unser lange und hart erarbeitetes Theaterstück präsentieren. Welch eine Aufregung! Vor zwei jüdischen Kindergartengruppen und vielen stolzen Eltern präsentieren wir mit Maske und Kostüm das Ergebnis unserer 8 monatigen gemeinsamen Arbeit mit den Kindern. Viele Tiere leben zusammen in einem Wald, mögen sich aber gar nicht und können einander weder zuhören noch verstehen. Es herrscht Feindseligkeit. Ein besonders cleveres Pferd möchte diese Situation ändern. Zusammen mit seinen Pferdefreunden wird ein Trick angewendet: Ein Sturm wird vorgetäuscht. Die Tiere bekommen Angst, rennen auseinander, bis sie begreifen: nur wenn sie alle zusammen kommen uns sich wärmen, bestehen alle den Sturm unbeschadet. Am Ende geben die Pferde sich als Verursacher des Sturms zu erkennen, die Tiere erkennen die Botschaft und es wird zusammen eine große Party gefeiert.

Auch wir feiern anschließend gemeinsam auf der Bühne mit den Kindern unseren Erfolg und den Abschluss unserer gemeinsamen Arbeit. Der Sommer ist da, die Sommerpause steht an und so heißt es Abschied nehmen, von all diesen Kindern, die wir durch unsere sehr intensive Arbeit so sehr ins Herz geschlossen haben. Es gibt Geschenke und Dankesworte und die eine oder andere Träne. Dann heißt es „Maassalame“ und die Kinder sind winkend aus unserem Leben verschwunden.

Ein abschließendes und das Jahr auswertende Gespräch mit Shadia und Amira, den zwei wunderbaren Kindergärtnerinnen bestätigt uns noch mal den zuvor gefühlten Erfolg: Unsere Arbeit war für die Kinder eine unglaublich wichtige und prägende Erfahrung, die ihnen, so Amira, unglaublich viel Selbstvertrauen und Selbsterfahrung vermitteln konnte. Diese Kinder, alle aus sehr schwierigen Familienverhältnissen kommend, oft ohne Vater aufgewachsen (vier der Väter sitzen in israelischen Gefängnissen, zwei leben in Pflegefamilien) haben, so Shadia, unsere Arbeit als wichtige und konstante Stütze empfunden, wir haben ihnen Respekt entgegen gebracht, ihre Wünsche berücksichtigt, versucht jedes einzelne Kind mit seinen Stärken und Schwächen wahrzunehmen und in den Theaterprozess einzubinden. Und auch die Tatsache, dass Michael als jüdischer Israeli zu ihnen kam, sie ihn kennen gelernt haben, anders, als sie viele andere jüdische Israelis im Alltag erleben, das sie gesehen haben, das jüdisch und arabisch sich durchaus verstehen kann, hat sie (hoffentlich) geprägt, für eine tolerantere und offenere Sicht auf die Welt in der sie leben.

Abschied auch von den äthiopischen Kindern in Neve Paz, dem Kindergarten in dem wir ebenfalls sehr lange und regelmäßig gearbeitet haben. Eine letzte gemeinsame Theaterstunde und erneut ein schwerer Abschied.

Andere Abschiede stehen noch an, so langsam läuft die Nachbarschaftsarbeit aus, der Sommer ist da, es ist fast schon unerträglich heiß und alle verabschieden sich in die wohlverdiente Sommerpause.

Auch für uns heißt es zur Zeit durchatmen, Luft holen, Sonne tanken, denn bald geht es auf in die letzte Runde: die dritte und abschließende Theaterproduktion steht an, dieses mal ein geschriebenes Drama.

Wir sind auf der Suche, lesen, diskutieren und verwerfen Stücke und Ideen, greifen sie wieder auf und warten gespannt auf Montag, wenn wir dann gemeinsam die letzte Entscheidung treffen werden. Es wird wohl die längste und heißeste Probenphase werden, vor allem aber die letzte gemeinsame Arbeit, als Kommuna und Theatergruppe. Wir wissen noch nicht ob wir alle mitspielen werden und in welcher Konstellation und mit welchen Aufgabenstellungen wir diese letzte Arbeit angehen werden. Aber man darf gespannt sein!

Ich habe nun auch, angesichts der vielen freien Zeit die sich durch das Ende der Sozialarbeit durch das Theater ergibt, endgültig begonnen zwei Tage in der Woche in Kfar Tikwa, dem Dorf für geistig behinderte Menschen (siehe mein letzter Rundbrief) zu arbeiten. Für zwei Tage in der Woche lebe und arbeite ich nun dort, es gäbe viel zu berichten, über die bereichernde Arbeit mit den Menschen dort, aber auch das wäre zuviel für diesen Rundbrief und seine Absichten. Aber ich freue mich schon, dem ein- oder anderen von Euch persönlich davon berichten zu können.

 

Aktuelle Situation

 

Seit meiner Rückkehr nach Israel haben mich viele besorgte Emails und sms erreicht, die alle mit der eskalierenden Situation in Gaza zu tun haben. In der Tat sind die Bilder, die uns tagtäglich aus Gaza erreicht haben, schockierend und grausam, sie zeigen einmal mehr die fast auswegslose Situation eines Volkes ohne ein Land, einen Staat und ohne eine stabile Führung, ein Land, immer am Rande der Anarchie und Katastrophe. Schreckliche Bilder eines Brudermordes, eines Abschlachtens aufgrund von sich unterscheidenden und spaltenden Ideologien und Glaubensfragen.

Aber so schrecklich es fast auch klingt und so gut es dennoch auch ist: wir sind hier sehr weit davon entfernt, wenn auch nicht geographisch. Dennoch trennen uns Welten von Gaza und den dortigen Geschehen. Es gibt keinen Anlass für Sorge, nicht um mich zumindest. Uns geht es gut. Wir leben weiter, vielleicht in unserer kleinen Utopie von einer Welt in der es um den Menschen geht, nicht um Araber und Juden, Hamas- oder Fatah-Leute, Religiöse und Nichtreligiöse. Und wir machen weiter. Als kleine Hoffnung und wir hoffen, das wir die Bilder von unserem Miteinander, ein wenig all den spaltenden Bildern, die Euch wohl tagtäglich erreichen, entgegen setzen können.

 

Nicht um Euch noch mehr zu schocken, nur um Euch mitzuteilen was die aktuelle Thematik in Israel ist, die zur Zeit hier alle bewegt, Juden und Araber gleichermaßen, ist die Frage nach einem neuen Krieg in diesem Sommer. Es scheint wohl schon kein Gerücht mehr zu sein, dass sich da etwas zusammenballt, Vorbereitungen getroffen werden, für einen erneuten Krieg, keiner kann so recht sagen wann und gegen wen (es gibt ja doch leider einige Kandidaten, die als Gegner in Frage kommen), aber es ist eine gewisse Angst und Verunsicherung in der israelischen Gesellschaft zu verspüren, der auch ich mich zugegebenermaßen nicht ganz entziehen kann. Freunde aus der Armee berichten von aktiven Kriegsvorbereitungen an der syrischen Grenze, andere wiederum vom Bau neuer Bunker, andere reden von Fehlmeldungen und Propaganda. Keiner kann genaues sagen, jeder hat aber etwas zu sagen, etwas gehört, gelesen, gesehen oder aufgeschnappt. So ist das hier. Man redet und wartet und nimmt nebenbei soviel Leben mit wie möglich, im Zeitraffer, auf der Überholspur und etwas anders, so empfinde ich es manchmal, bleibt auch mir hier nicht übrig, auch wenn es das Leben hier zeitweilig sehr anstrengend macht und immer wieder ein ungutes Gefühl von Verdrängung und Ignoranz heraufbeschwört.

 

Ich möchte gerne mit schöneren Worten als den vorhergegangen schließen können, aber so richtig fällt mir nichts mehr zu schreiben ein, außer dass es mir trotz allem sehr gut geht, ich froh bin zurück zu sein, in diesem Land, aber auch, dass ich so langsam wieder eine Sehnsucht auf eine Rückkehr nach Deutschland verspüre, für länger als nur auf einen Besuch. Bis dahin genieße ich das Leben hier, mal mehr und mal weniger auf der Überholspur und grüße Euch ganz herzlich aus Israel.

Schaut mal ab- und an bei meinen Bildern vorbei (www.noltagie.de.vu), ich hoffe, dass ich bald wieder aktuellere werde online stellen können. Ansonsten findet Ihr wie immer, alle alten Rundbriefe und viele Neuigkeiten auf www.mideastweb.org/nemashim

Eure Amina

 

 

Es lohnt sich, bald wieder auf diese zurückzukommen, weil dann noch mehr Bilder und auch videos da sein werden!

Immer noch plagen uns unsere Geldprobleme, und wir freuen uns ueber jeden Euro! (Einzelheiten hier: www.mideastweb.org/nemashim/deutsch.htm)

 

 

 

 

 

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