NEMASHIM - palästinensisch-jüdisches Jugendtheater
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Und
wieder einmal in Giv’at Haviva, kamen wir alle zusammen, alle außer Shir.
Mohammad Mugrabi kam ein bisschen später und fuhr Freitag Mittag wieder
weg, wegen Proben für ein Stück, an dem er teilnimmt. Und auch
diesmal war Miriam Asnes wieder mit uns.
Im ersten
Teil spielte jede/r auf dem Musikinstrument, das er /sie von zu Hause
mitgebracht hatte. Außerdem machten wir Musik mit unserm Körper, mit
Händeklatschen und mit der Stimme. Ein besonderes improvisiertes
Musikstück wurde eine Stimmübung, die ziemlich lange dauerte, in
Stille begann, langsam, über vereinzeltes Murmeln, lauter wurde, bis zu
enthusiastischem Geschrei und offenem, freien Gesang, und dann wieder
zurück in eine lange Stille.
Im
zweiten Teil stellt jede/r ein aufgenommenes Musikstück vor: Ahmed brachte
eine CD mit orientalisch-osteuropäischer Fusion, die er von seinem Bruder
erhielt (darum wusste er nicht, was genau es ist); Or brachte chassidische
Musik; Sohar – ein israelisches Kinderlied; Renana kam mit einer Kassette (ein
antiker Gegenstand!) mit einem Jazz-Duett, das sie an den allwöchentlichen
Tanz mit ihrem Vater erinnert; Chaled brachte ein sehr bekanntes arabisches
Hochzeitslied, das für ihn eine sehr spezifische Erinnerung an seine
Cousine enthält, die wegen ihrer Hochzeit mit ihrer Familie gebrochen hat
und darum von ihrem Onkel, Chaleds Vater, „adoptiert“ wurde. Von Fatina hörten wir ein remix des
Titelthemas von „titanic“; Yossi spielte uns eine Aufnahme eines Stückes
von ihm selber vor; Noam brachte das sehr, sehr feine und stille Adagio aus dem
Violinkonzert von Mendelssohn mit; und Daniel ein indianisches Gebet.
Die paar
Worte jeweils, bevor wir das Stück hörten, waren sehr wichtig und
aufschlussreich.
Am Morgen
bewegten wir uns ziemlich viel, und Afek, Michael und Hila von der
diesjährigen Kommune kamen zu Besuch, um von der Kommune zu erzählen
und um die „nächste Generation“ kennenzulernen.
Die erste
Übung war eine Bewegungsübung im Raum
(ein kleines Videobeispiel),
dann gingen wir über in contact
improvisation (zwei
kleine Videos: Rücken
an Rücken und contact
– zu diesem clip haben wir schon ein paar Stunden nach Hochladen eine Reaktion
erhalten...)
Dann bat Schadi, die Musikinstrumente von gestern wieder herzubringen, und die improvisierte Bewegung wurde jetzt mit improvisierter Musik untermalt. Ein paar Videobeispiele:
Warten – Mohammad auf der
Bühne, Afek spielt Gitarre
Chassidim, Mohammad und
Hila improvisieren auf der Bühne, Or führt und reagiert mit
Klarinette
Chaled bezahlt für seine
Opposition

Der Abend
begann mit Vertrauensübungen.
Danach übten wir die Verbesserung unserer Gesellschaft durch Statuen der
Unterdrückung: militärische,
wirtschaftliche, sexuelle
Unterdrückung. Wie aus den Videos zu ersehen ist, war es einfach für
die jungen Israeli, die Unterdrückung zu erkennen und darzustellen, viel
schwieriger war die Aufgabe, sich den Idealzustand auch nur schon vorzustellen.
Wir
begnügten uns mit arabischen Zeitungen, und so waren die
hebräischsprachigen Jugendlichen (die natürlich kein arabisch
verstehen oder lesen) von ihren arabischen Kameraden abhängig, dass diese jenen vorlesen und
übersetzen würden. Eine der Zeitungsartikel, die ausgewählt
wurden, berichtete über Schülergewalt gegen Lehrer in einer
arabischen Mittelschule in Galiläa. Im kurzen Video interviewt eine Journalistin den
Stadtpräsidenten (in hebräisch), der ihr auf arabisch antwortet,
natürlich nicht, weil er kein hebräisch könnte, sondern um durch
die Sprachwahl die ablehnende Geste auszudrücken. Eine andere Szene haben
die TeilnehmerInnen auf dem Rasen inszeniert, was uns die Gelegenheit gab,
Freilufttheater zu probieren. Kein hundert prozentig geglückter Versuch,
aber immerhin. Einer der Nachteile kam sehr klar zum Ausdruck durch die
faschistischen Nachbarn, die offenbar grad von Amona oder Hebron kamen, und die
von „Giv’at Haviva“ merkwürdigerweise so gern beherbergt werden. Die absolute
Spitze waren Hetzrufe wie „Tod den Arabern“, und das war nicht sehr angenehm.
Am
Nachmittag begannen wir, das ganze sechsmonatige Seminar zusammenzufassen. Auf
kleinen Zetteln stehen die Namen der TeilnehmerInnen und die Figuren, die sie
während des Seminars gespielt haben, geschrieben. JedeR bekommt acht
Zettel und muss sich seine eigenen Zettel durch Tauschen erhandeln. Danach
wählte jedeR eine seiner Figuren aus, ging als diese Figur auf die
Bühne, und alle andern intervenieren in kurzen Szenen mit der Figur. Renana
wählte Ghazal (vom Januartreffen - Video), Or – Bibi Netanyahu (auch
Januar), Ahmed – Ramzy (vom Novembertreffen - VIDEO), Jossi war Ido (Januartreffen) Jimmi wählte sich den Bürgermeister
aus (Video),
Sohar - Blanche vom Novembertreffen (VIDEO).
Ich
schreibe hier ein Teil der schriftlichen Reaktionen der TeilnehmerInnen nieder.
Die erste Hälfte ist aus dem Arabischen übersetzt, die zweite aus dem
Hebräischen.
Fatina:
„Das
Seminar war toll, schade dass es zuende ist... alle sind nett, und alle hier
sind meine Freunde geworden, und ich hoffe, auch weiterhin in Kontakt zu
bleiben. Meine Meinungen änderten sich ein bisschen. Ich liebte das
Theater auch vorher, aber ich dachte nicht daran, Theater mit jüdischen
Israeli zu machen. Jetzt weiss ich, dass das möglich ist. Das Seminar
bereicherte mich zuerst mal im Bereich des Theaters, und auch persönlich,
und ich habe meine Meinung gegenüber den jüdischen Israeli
geändert. Ich möchte mit allen in Kontakt bleiben.“
Ahmed:
“Das
Seminar gab mir viel im Bereich des Theaters und der jüdischen Kultur. Ich
will den Kontakt erhalten, aber das hängt von der anderen Seite ab.
Es
gibt eine Hoffnung, und das Zusammenleben ist möglich.
Was
die Wohngemeinschaft angeht, ich weiss nicht. Der Gedanke ist verlockend, aber
ich habe gewisse Befürchtungen.”
Mohammad
Dschamal Abd („Jimmy“):
Meine
Meinungen haben sich nicht verändert, denn ich lebe mit Juden schon seit
immer, aber das Seminar war besonders gut. Ich fühle jetzt, dass wir alle
wie Brüder geworden sind. Das war eine schöne Erfahrung für mich,
und natürlich werde ich Kontakt erhalten mit den Freunden.
Das
Zusammenleben von Juden und Arabern ist ein wichtig nationales Anliegen. Aber in der
Wohngemeinschaft werde ich nicht mitmachen können, wegen der Arbeit.“
Chaled:
“Ein Teil meiner Positionen
gegenüber den Juden haben sich verschoben, ich habe sie besser
kennengelernt, wie sie denken und ihr Lebensstil. Das Seminar hat meinen
Horizont erweitert, und ich fühle mich sicherer mit den Juden. In der
Wohngemeinschaft werde ich nicht mitmachen können, wegen des Studiums.“
Renana:
“Ich könnte nicht
behaupten, dass sich meine Meinungen geändert hätten, aber sicher
erhielt ich Material zum Nachdenken.. viel!!
Das Seminar bereicherte
mich sehr! In zusätzlichen Theatermöglichkeiten, im einenander Zuhören
auf der Bühne, Improvisation, Mut, Sicherheit, eine andere
Perspektive mir selber gegenüber...
Ich habe herausgefunden,
dass es ist nicht so schwer ist, Theater zu verstehen, auch in einer anderen
Sprache. Die Nähe zu den Arabern ist mir nicht neu, ich lebe schon dieses
in einer jüdisch-arabischen Kommune, aber ich habe gelernt, dass
Theaterleute eine gemeinsame Sprache haben.
Ich möchte sehr
gerne Teil der Wohngemeinschaft sein, um durch das Theater zu agieren, etwas in
mir zu verändern, und, wer weiss... vielleicht in anderen.“
Jossi:
„Das Seminar
veränderte etwas in meinem Unterbewussten. In meinem Kopf waren
Sterotypen, die ich nicht wollte, und das Seminar hat sie weggeschmissen. Das
Seminar har mir viel in Wissen und im Theaterspiel gegeben. Ich habe viel
dazugelernt im Bereich der verschiedenen Theatertypen.
Menschen sind Menschen,
die Kulturen sind ein wenig verschieden. Ich werde weiterhin Menschen als
Menschen betrachten.
Sohar:
„Meine Meinungen haben
sich sehr wohl geändert. Es fällt mir schwer, ganz allgemein,
Kontakte zu pflegen. Aber in diesem besonderen Fall will ich meine Gewohnheit
brechen. Ich erhielt Sicherheit, Mut, ich fühle mich frei, ich bin
sicherer auf der Bühne, ich lernte neue Sorten von Theater kennen, die ich
nicht kannte.“
Or:
„Meine Meinungen haben
sich nicht verändert, aber die Erkenntnis von bestimmten Dingen schon. Ich
wurde mir gewisser Vorurteile bewusst, die ich offenbar habe. Ich habe einen
kleinen Uri im Kopf. Ich weiss nicht, ob die Freundschaften sich erhalten werden.
Das Seminar bereicherte mich vor allem im Bereich des Theaters, aber nicht nur,
auch im Treffen mit unsern „Cousins“, ein Treffen, das ohne Verschönerung
und ohne Ignoranz der israelischen Wirklichkeit war.
Meine Konsequenz: Ich
glaube, das Zusammenleben im Land hat eine Zukunft. Ich werde meine
Konsequenzen auf der politischen Bühne weiterleben. Wie vorher, nur
weniger faul.“
Daniel:
“Das Seminar hatte einen
riesigen Einfluss auf mich. Abgesehen davon, dass ich unheimlich viel gelernt
habe, haben sich viele Dinge für mich verändert, und meine Ansichten
über Bühne und Theater haben sich geändert. Das Theater bringt
riesige Befreiung mit sich.
Begegnung mit Arabern gab
es auch vorher, aber jetzt, als ich mit Arabern ganze Tage und Nächte
verbrachte, nachdem ich mit ihnen gesprochen habe und persönliche
Geschichten gehört habe, ist meine Haltung eine andere. Ich verspüre
Verständnis. Ich erkannte den riesigen Unterschied (ich habe gelernt, dass
es einen Araber sehr beleidigt, wenn man ihn mit “du Hurensohn” anspricht),
aber auch eine Menge gemeinsame Punkte. Natürlich werden wir weiterhin in
Kontakt bleiben, am Telephon, e-mail und auch Besuche.
Das Seminar hat mir sehr
viel gegeben. Ich habe viel über verschiedene Arten von Theater gelernt,
und über das Leben überhaupt. Es gibt Menschen, die dich akzeptieren,
so wie du bist. Auch wenn du sie nicht gefunden hast, sie existieren!
Ich könnte
Bücher darüber schreiben, aber in Kürze: Das Seminar wird weiter
in mir leben, weil es mir wirklich ans Herz gewachsen ist. Jedesmal, wenn ich
nach Hause, hatte ich eine Menge Gedanken, die mich beschäftigten.
Der Kontakt mit den
Leuten, mit euch, Uri und Schadi, Kontakt mit der Umgebung, ist mir am
wichtigsten. Ich liebe das Theater, ich liebe Entwicklung, ich liebe die
Bildung, ich liebe die Gesellschaft, ich liebe das Gestalten.“
Wie ich
schon zu Beginn erwähnte, war auch diesmal Miriam Asnes dabei, und sie hat
einen englischen Bericht geschrieben, der sich
lohnt zu lesen, er ist natürlich anders als dieser da.
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