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palästinensisch-jüdisches Jugendtheater

 

 

 Nemashim“- Januar 2007

 

Ein weiterer Rundbrief von Amina. Ich habe ihn gekürzt...

 

 

Ihr Lieben,

 

Es ist nun wieder Ende Januar. Zeit für einen weiteren Bericht über unser Leben und Arbeiten in Haifa und die kleinen und großen Nöte des Alltags, die oft nicht weit von denen des weltpolitischen Geschehens entfernt sind.

 Dieser Monat Januar war ausgefüllt, spannend, vor allem aber eines, angespannt. Ich bin wieder mittendrin gelandet, in Israel, diesem kleinen Land, welches so schön, dennoch aber auch so zerrissen, paradox und nicht immer leicht zu „erleben“ ist.

Ich bin aus Deutschland zurückgekommen, mit einer großen Vorfreude und viel weiterer Energie für das Leben in diesem Land, zu dieser Zeit und unter teilweise sehr schwierigen Umständen, das mir jeden Tag viel beizubringen hat.

 

Doch lasst mich mit dem heutigen Tag beginnen: Es ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Vor 62 Jahren hat die rote Armee Auschwitz befreit. Heute, bei einem schönen Stadtbummel durch Haifa, einer gemütlichen Kaffeepause in der deutschen Kolonie und einem sonnigen Nachmittag am Meer, ist uns dies gemeinsam wieder eingefallen. Unsere einzige Feststellung war: „schön, dass wir hier heute so selbstverständlich zusammen sein können“.

Es mag Euch vielleicht ein wenig verwundern, dass ich bis heute das Thema „Holocaust“ nie wirklich in einem meiner Rundbriefe thematisiert habe und so ist es auch geschehen, dass ich in Deutschland mit vielen Fragen konfrontiert wurde, durchaus berechtig und richtig, wie z.B. „aber ihr lebt doch nicht nur als Juden und Araber sondern auch als Juden und Deutsche zusammen, wie ist das denn? Wie ist Euer Umgang mit dem Holocaust, wie geht Ihr damit gemeinsam um?“

Und selbstverständlich: Der Holocaust, das Unheil der Nazizeit, die Greueltaten des deutschen, ja meines Volkes, das alles ist Thema in unserem Zusammenleben- und arbeiten. Es ist überraschend, schön und auch erleichternd, dass die Menschen hier ausschließlich alle sehr offen, sehr vorurteilsfrei und herzlich auf mich zugekommen sind. Während ich mir, gerade zu Beginn, meiner Herkunft immer doppelt bewusst zu sein versuchte, mich immer vorsichtig zu meiner Nationalität und meiner Muttersprache bekannte, war mein Gegenüber meist schon sehr viel unbefangener und freier in das eigentliche Gespräch eingestiegen als ich. Heute hier als junge Deutsche zu sein ist nicht mehr mit denselben Problemen und Schwierigkeiten, mit Konfrontation und Schuldgefühlen verbunden, wie es vielleicht vor zwanzig Jahren noch der Fall gewesen ist.

Unverständnis begegne ich dann allerdings manchmal an dem Punkt, wenn ich erzähle, warum ich hier bin, was ich tue und mit welchen Menschen. Dass ich mit jungen Israelis zusammen lebe, wird natürlich immer begeistert aufgenommen. Füge ich allerdings hinzu, dass das auch zwei arabische Jungs („Ahmad und Khaled, Israelis?“) umfasst und auch, dass wir gemeinsam Theater für einen palästinensisch-israelischen Dialog machen, sind die Reaktionen oft schon weitaus verhaltener. Und manchmal dann eben auch die Frage: Glaubst Du, dass Du als junge Deutsche das Recht dazu hast, Dich in diesen Konflikt so zu positionieren?

 

 

Ich habe mich entschieden in dieses Land, ja nach Israel zu kommen und hier ein Jahr mit den Menschen zu leben und zu arbeiten. Ich begegne der jüdischen Kultur, Religion, Tradition und Geschichte mit großem Respekt und Achtung und bemühe mich tagtäglich, die Sprache dieses Volkes zu lernen, sowie auch seine Geschichte und Wege durch die Zeit zu verstehen. Ich verachte und verabscheue jegliche Form von Antisemitismus und Rassismus und trete für eine gründliche, umfassende und für uns alle wichtige Aufarbeitung des Holocaust und seinen Folgen ein, ich kenne die Geschichte und die Verbrechen meines Landes und ich bin auch hier, weil ich möchte, dass so etwas nie wieder geschieht. Aber ich weigere mich, als junge Deutsche vor den Geschehnissen der Nazi-Zeit noch heute zu kapitulieren, sie heute noch als einen Grund für ein Wegschauen, ein Stillschweigen und Ignorieren anderer Verbrechen an der Menschlichkeit zu benutzen. Eine Konsequenz aus dem Holocaust ist ganz klar für mich und ich betrachte sie auch als etwas, das sie für jeden sein sollte: Für die Gerechtigkeit eintreten. Nicht für ein Land, nicht gegen ein Land, nicht für oder gegen ein Volk, für oder gegen ein bestimmtes System oder eine bestimmte Ideologie, sondern dafür, dass nicht weggeschaut wird, wo Unrecht geschieht, egal ob links oder rechts von der Mauer, für Mann oder Frau und so eben auch egal ob für einen Juden oder einen Araber.

Und dazwischen komme ich, als Deutsche, und bringe den einen, den großen Konflikt mit mir: Juden und Deutsche und ihr Umgang, ihre Aufarbeitung und ihr Leben, über ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust. Und gleichzeitig stehe ich aber auch hier als junge Deutsche, die sich entschieden hat, sich mit dem israelisch-palästinensischen  Konflikt zu beschäftigen, vor allem aber für den Dialog zu bemühen, und damit vermischen sich zwei Konfliktfelder, sie scheinbar so eng miteinander verbunden sind, dass vielen die doch so wichtige Trennung auf so mancher Ebene sehr schwer zu fallen scheint. Denn das, was ich hier vor allem hier in meinem Alltag und in meinem Umgang mit israelischen, insbesondere jüdischen Israelis erlebe und als einen großen Unterschied zu meinem Aufwachsen und meiner Erziehung empfinde, ist die hier nicht vorhandene Distanz zur Geschichte. Ich behaupte diese Distanz zu haben, die es nicht gleichzusetzen gilt mit einem  sich-distanzieren und nichts-damit-zu-tun-haben-wollen. Aber es bedeutet, dass ich sehe, lerne und zu begreifen versuche was damals geschah, aber dass ich gerade durch die intensive Auseinandersetzung die kritische Distanz nicht scheue, weil es für mich nichts wegzudrängen oder zu verleugnen gibt: Ja, es ist geschehen, es war ein grausames, unermessliches Verbrechen an unschuldigen Menschen, einem gesamten Volk. Und Nein, es darf nie wieder so etwas passieren und dafür tragen wir alle gemeinsam die Verantwortung. Aber ich trage nicht die Verantwortung für den Holocaust, durchaus aber für die Dinge die heute vor meinen Augen geschehen und die ich nicht zu ändern oder zumindest zu bessern versuche. Ich verweigere mich der kollektiven Schuld, die zwar ein Teil der Aufarbeitung unserer Geschichte gewesen sein muss, die aber in diesen Zeiten zu falscher Solidarität und unkritischem, unreflektiertem und einseitigem Denken führen kann und die vor allem die heutigen Bemühungen für den Frieden lähmt und stagnieren lässt. Denn Schuld ist eine Last und wer schwere Last trägt, bückt sich, macht sich klein und unterwirft sich. Und wenn ich mich unterwerfe, sehe ich weder aufrecht noch klar und rundherum was passiert, ich habe ein eingeschränktes Sichtfeld.

In seinem sehr interessanten Artikel „Die Erinnerung an den Holocaust in Israel und Deutschland“ (APuZ, April 2005) schreibt Dan Bar-On „In Israel lernen jüdische Kindergartenkinder bereits sehr früh, dass bei jeder Feierlichkeit jemand versucht hat, uns zu verfolgen, und dass wir diese bösen Absichten jedes Mal überlebt haben. Ich glaube, dass wir unseren Kindern auch ein paar andere Dinge beibringen müssen…Weil wir die Opferrolle im Holocaust und während anderer Verfolgungen nicht genügend durchgearbeitet haben, kann sich heute ein Gefühl verstärken, ewig Opfer zu sein…Es ist sehr schwierig für uns alle, als Nachkommen von Überlebenden den Täter in uns zu erkennen“.

Diese Zeilen eines Israelis haben mich sehr beeindruckt, denn sie geben die Kritik wieder, die auch ich habe und auch in meinem Alltag immer wieder bestätigt finde: Wo ist der kritische Umgang mit der eigenen Geschichte? Wo ist kritische Hinterfragung heutiger politischer Aktionen, die auf dem „kollektiven Gedächtnis“ und dem ständigen Gefühl des Opfer-Sein aufbauen und gerechtfertigt erscheinen mögen, nichts aber mit realpolitischen Verhältnissen zu tun haben und vor allem jede Verhältnismäßigkeit und teilweise auch Rechtsstaatlichkeit ausblenden?

 

 

 

 

Israelische Schulkinder lernen alles über den Holocaust. Fahrten nach Auschwitz und Buchenwald sind obligatorisch. Zusammen wird die Geschichte des eigenen Volkes, der Großeltern, Tanten und Onkels, von Freunden und Bekannten aufgearbeitet und ins Bewusstsein eines jeden befördert. Dies ist gut und wichtig und keiner, am wenigsten ich, spreche dem israelischen Volk diese wichtige Aufarbeitungsarbeit ab. Aber israelische Schulkinder lernen nichts über die Apartheid-Politik in Südafrika, nichts über die Mauer in Berlin, geschweige denn über die Mauer, die sich durch das eigene, vor allem aber durch fremdes Land zieht und die das Völkerrecht bricht. Wenn ich das schreibe, dann nur um zu zeigen: Nicht das eine soll weg gelassen werden, aber es gehört einiges hinzugefügt. Aber die selektive Art, Geschichte zu unterrichten verbietet die Vollständigkeit, der Sicherheit und des Status quo halber. Und das ist gefährlich. Denn unnötiges kann vergessen, nichts erfahrenes aber auch nicht gelernt und weitergegeben werden.

Viele meiner israelischen Freunde leben in einem Land, von dem sie nur die eine Hälfte kennen. Durch meinen Aufenthalt hier, ihr Interesse und meine Arbeit, gemeinsam mit arabischen und jüdischen Jugendlichen sind einige schon mit dem Wissen um den Verlauf der Mauer, die Existenz von Checkpoints oder auch die Zustände in Hebron an denen Rand dessen gekommen, was sie glauben können (und manchmal auch wollen). Niemand hat es ihnen vorher gezeigt oder erzählt. Sie glauben, dass sie in einem Land leben, das jedem Juden dieser Welt Sicherheit, Schutz, Recht und Hilfe gewährleistet, was tatsächlich so ist und was gar nicht diskutiert oder bestritten werden soll. Sie wissen aber nicht, auf wessen Kosten das teilweise geschieht.

Am 18.Oktober 2000 haben einige jüdische Intellektuelle folgende Zeilen in einem Aufruf in „Le Monde“ veröffentlicht: „Doch indem die Staatsführer Israels den Anspruch erheben, im Namen aller Juden zu sprechen, indem sie sich die gemeinsame Erinnerung aneignen und sich zu Repräsentanten aller jüdischen Opfer der Vergangenheit aufschwingen, maßen sie sich auch das Recht an, gegen unseren Willen in unserem Namen zu sprechen. Niemand besitzt ein Monopol auf den Judenmord der Nazis. Auch wir hatten Angehörige, die deportiert wurden, verschwanden, Widerstand leisteten. Aus diesem Grund ist uns die Erpressung gemeinschaftlicher Solidarität, die die Politik der heiligen Allianz der israelischen Staatsführer legitimieren soll, unerträglich.“

Ja, es gibt sie eben auch, die, die anders denken. Die, die sehen, was sie nicht sehen sollen und lesen und verstehen, was sie eigentlich nicht lesen und verstehen sollten. Und mit dreien von ihnen lebe ich zusammen. Womit ich den Bogen gespannt hätte, von meinem Ausgangspunkt als junger Deutschen hier, über meine generelle Wahrnehmung der Situation bis zur Thematisierung des „Holocaust“ in unserem Zusammenleben. Er ist Thema. Aber eben nicht als ernsthafter Gegenstand langer Diskussionen oder Auseinandersetzungen, sondern er fügt sich eher beiläufig in Gespräche, Situationen und Momente ein und vor allem ist er eines: Gegenstand von Witzen und vielen Lachanfällen. Was mir am Anfang als unmöglich und vollkommen unangebracht erschien, gehört nun für mich auch dazu: Auch ich darf über einen Holocaust-Witz lachen oder eine Situation oder Wortwendung, den Holocaust betreffend witzig finden. Ich habe lange gebraucht um zu lernen, dass auch dies eine Form der Auseinandersetzung und Konfrontation ist, die uns allen hilft, nicht zu vergessen, was war, aber eben auch Ausdruck für unser unkompliziertes Zusammensein in den heutigen Tagen ist. Als Beispiel sei Euch nur gesagt, dass sie gerne scherzen, dass sie mich ungern an den Ofen lassen, denn „man weiß ja nicht was passiert wenn Deutsche an Öfen gelangen“. So ist auch mein Gang in die Dusche manchmal sehr zynisch mit „Lass mir noch ein wenig warmes Wasser, ähhhh besser Zyklon B übrig, ja?“ kommentiert worden.

Aber ich darf immer eines nicht vergessen, nämlich, dass dieser Umgang sehr eigen und sehr speziell ist und keineswegs den allgemeinen gesellschaftlichen Umgang mit dem Holocaust wiedergibt. Aber Witze über den Holocaust hört man hier fast überall und auch dies ist eine Form der Verarbeitung, die ich aber eben nur meinen jüdischen MitbewohnerInnen zubillige und mir selbst nicht zugestehen würde.

Und schwierig wird es auch dann, wenn sie soweit gehen zu sagen: „Das was wir heute tun, ist das gleiche was damals die Deutschen mit uns getan haben“.

Dieser Verbindung von diesen beiden Konflikten verweigere ich mich und ich akzeptiere diesen Vergleich so nicht. Aber ich sehe die historische Verbindung zwischen dem Holocaust und der heutigen Situation, sehe sie vor allem aber in der moralischen Lehre, die wir alle aus ihm gezogen haben sollten und die gerade wir, als die „Nachgeborenen“ (die wir das Glück haben, aus der Flut der Untergegangenen endlich auftauchen zu können, wie Brecht es als Hoffnung formulierte) mit offenen Augen und wachem Verstand umzusetzen versuchen sollen: Dort hinzuschauen, wo Unrecht geschieht, unabhängig auf welcher Seite, welcher Sprache und auf welchem Boden.

Aber natürlich gibt es auch Momente, in denen sich Bilder und Momente vor meine Augen schieben, die es mir nicht möglich machen, den Holocaust und sein Grauen so rational zu betrachten wie ich gerade darüber schreibe. Das sind Momente, in denen die persönliche Begegnung stattfindet, oder Momente, in denen die Vergangenheit so präsent wird, dass sie starke Emotionen auslöst. So zum Beispiel wenn ich mit Daniel in ihrem Fotoalbum blättere, Bilder sehe von Auschwitz und Buchenwald, dazwischen vergilbte Fotos von Verwandten, die damals dort umkamen.

Aber wichtig sind diese Momente dennoch, denn diese Momente spalten uns nicht, nein, sie einen uns vielmehr in der Erkenntnis, dass unser Zusammensein gerade deswegen umso wichtiger, schöner und richtiger ist.

 

 

 

Theater

 

Und natürlich: Auch in die Theaterarbeit bin ich seit meiner Rückkehr wieder sofort eingestiegen, ist sie doch eigentlich Hauptbestandteil unseres Zusammenkommens und unserer gemeinsamen Arbeit.

Während wir mit „Hadi we Tami“, unserem arabisch-hebräischen „Hänsel und Gretel“-Stück noch durch das Land tingeln, hier und dort kleine Aufführungen vor möglichst arabisch-jüdisch gemischtem Publikum haben, sind wir schon mittendrin, in der Arbeit für unsere neue Produktion. Wie ich Euch bereits im letzten Rundbrief schrieb, geht es dieses Mal um Bewegungstheater. Wir versuchen uns im „sprachlosen“ Darstellen, im Körperausdruck und auch in der Mimik.

Schon seit November gestalten sich die wöchentlichen Proben mit Uri und Shadi mit der vollen Konzentration auf die Arbeit mit dem Körper, Bewegungsabläufen und Ausdrucksmöglichkeiten, die uns der Körper gibt, wenn man ihn wie ein Instrument zu beherrschen weiß.

Beeindruckend war eine der ersten Proben mit Shadi, in der wir jeweils zu zweit Szenen aus Strindbergs Stück „Fräulein Julie“ bearbeiteten, in dem es um das Verhältnis einer Aristokratin zu einem ihrer Bediensteten geht, die nur in einer Nacht stattfindet und sich vor allem um die Auseinandersetzung mit der Frage dreht, warum manche Menschen im System „oben“ und warum manche „unten“ sind, warum Menschen sich dieser Hierarchie beugen (müssen) und warum es für sie so schwer ist, von „oben“ nach „unten“ und von „unten“ nach „oben“ zu gelangen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Unsere Aufgabe war es nun, diese Szenen gründlich zu lesen, zu verinnerlichen und sie daraufhin ohne Worte darzustellen.

Es war interessant, wie die unterschiedlichen Gruppen ganz unterschiedliche Darstellungsmöglichkeiten für eben die gleiche Szene fanden. Da gab es sehr konkrete, sehr textnahe, aber eben auch sehr abstrakte Darstellungen, die alle eines erkennen ließen: dass der der „oben“ ist, es eben doch immer noch leichter hat, seine Macht zu demonstrieren und letztlich auch durchzusetzen.

Und wir haben auch gemerkt: Auch ohne Worte kann man eine Geschichte ganz verschieden und anders erzählen.

Durch eine Idee von Uri und Shadi, aber auch durch unsere Improvisation und Probenarbeit sind dann immer konkretere Bilder und Abläufe entstanden, die wir zur Zeit in den Proben durchgehen, improvisieren, festhalten und wieder verändern. Es wird um einen roten Teppich gehen, so viel wissen wir schon. Er ist seit einiger Zeit fester Bestandteil unserer Arbeit. Dem Kontakt mit ihm haben wir uns über viel Musik und Ausprobieren genähert und dadurch Ideen und Bilder sammeln können. Denn zu was so ein roter Teppich (bzw. ein rotes Tuch) alles werden kann, haben wir nur durch das Ausprobieren erfahren können und nähern ihm uns weiter mit viel Phantasie und Spaß am Spielen.

Einige Zeit lang haben wir uns intensiv mit der Darstellung von Statuen und ihren Posen beschäftigt, später dann auch mit dem Übergang von der Statue zu einem lebendigen Wesen und der intensiven Beschäftigung mit einzelnen Gegenständen. Wir haben Szenen geschrieben, inszeniert, kritisiert, aufgenommen und wieder verworfen. Wir haben Figuren erfunden, sie skizziert, uns verkleidet, das ein- oder andere beibehalten und vieles auch wieder aufgegeben. Zur Zeit haben wir uns auf folgende klassische Figuren festgelegt (jede/r hat sich eine Figur seines Beliebens aussuchen dürfen): Kleopatra, ein Cowboy, eine Geisha, eine griechische Göttin, ein englischer Gentleman und  ein kommunistischer Arbeiterführer.

Die Premiere dieses Stückes wird Mitte April sein. Bisher steht die Grundidee, an allen anderen Dingen arbeiten wir noch. Klar ist: auch hier wird der israelisch-palästinensische Konflikt ganz klar seinen Ausdruck finden, viel mehr eigentlich wird es um Konflikte an sich gehen, menschliche Auseinandersetzungen, Besitz- als Machtansprüche, aber auch um militärische Konflikte, die oft in Zerstörung und Unterdrückung, Leid und Frustration enden.

 

Interessant war und ist vor allem auch, wie sehr wir die Alltagsprobleme der Kommune, Streitigkeiten, Konflikte, ungelöste Schwierigkeiten und schwerwiegende Missstimmung mit in die Probe nehmen und wie sich Machtverhältnisse, Fragenstellungen, Hilflosigkeit und Sorgen in den Szenen und Bildern wieder finden. So sehr wir an das Theater auch versuchen professionell heranzugehen, es als „Arbeit“ zu betrachten, selbst wenn zuhause in der Gemeinschaft alles schief läuft, so wenig gelingt uns dies, wenn wir beim Improvisieren wirklich alles hochkommen lassen, was uns beschäftigt. Dann ergeben sich Bilder, die deutlich machen, dass hier gerade eine Alltagssituation auf die Bühne gebracht wird, die aber so losgelöst behandelt wird oder werden kann, dass sie durchaus zu einem ganz anderen Ausgang, Ende oder einer anderen Lösung finden kann, die wir vielleicht in unserem Alltag so nicht wagen würden.

Ja, sie findet sich eben immer, diese Verbindung zwischen dem Theater und unserem Alltag und beide treten durch uns in einen Dialog, bestimmen die Auf- und Abs im Zusammenleben, aber auch im Zusammenspiel.

Beim Spiel können wir eine Realität erproben, die so nicht existiert, die wir uns aber wünschen. Wir können sie kommen und entstehen lassen, durchaus aber auch formen und bestimmen, vor allem aber durch das Ausprobieren verschiedener Rollen und Möglichkeiten eben auch ganz anders gestalten. Und gerade bei der

Körperarbeit geschieht dies oft ganz unbewusst, dass sich über die Körperhaltung Dinge äußern und wahrnehmen lassen, die mit Worten vielleicht niemand auszudrücken wagen würde.

Gerade in diesem Monat war die Theaterarbeit, vor allem die Körperarbeit eine immens wichtige Ergänzung und vor allem Bereicherung für unseren Alltag, unser Zusammenleben und auch unser Zusammenbleiben. Zeitweise haben wir die Kommunikation nur über das Theater finden können, den Dialog nur über die Körpersprache geschehen lassen und somit Schicht für Schicht aufgestauten Ärger, Frust, aber auch Ängste, Zweifel und Unverständnis abtragen können.

 

 

 

 

Projektarbeit

 

Kindergarten Halissa

Neben dem Alltag, den wir tagtäglich zusammen zu bewältigen haben, haben wir aber dennoch natürlich auch alle unsere kleinen und großen eigenen Projekte und Arbeit, die sich jetzt, nach fast sechs Monaten teilweise schon gut eingependelt haben, die teilweise aber auch noch neu hinzukommen und neue und spannende Aufgaben hinzubringen. Zur Zeit habe ich drei Theatergruppen, die ich aktiv anleite, zwei weitere sind aber noch in Planung. Noch immer arbeite ich mit Michael regelmäßig im arabischen Kindergarten. Unsere Theaterstunde ist dort nun fest etabliert, der Kontakt zu den Kindern ist ganz wunderbar und auch die Theaterarbeit trägt erste Früchte.

 

 

 

Die Kinder, die allesamt aus sehr schwierigen und problematischen Elternhäusern kommen und deshalb ihre Nachmittage in diesem Kinderhort verbringen, auch um eine warme Mahlzeit und medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, mussten am Anfang erstmal an das gemeinsame Spiel, die Interaktion von Tun und Zuschauen, vom aktiven und passiven Teilnehmen lernen. Anfangs war es sogar schwer, ihnen beizubringen zusammen in einem Kreis zu stehen und jeweils einem Kind bei einer bestimmten Aktion konzentriert zuzuschauen. Jetzt wissen sie, dass der Kreis immer der Ein- und Ausgangspunkt der gemeinsamen Theaterarbeit ist, wir begrüßen uns so und verabschieden uns auch im Kreis und mittlerweile empfangen sie uns schon, in dem sie brav im Kreis sitzend auf uns warten und uns erstmal mit tausend „Bussa, Bussa“ (Kuss) überhäufen. Michael und ich haben mit der Zeit sehr gut herausfinden können, welche Art von Spielen wir mit bestimmten Lernzielen verknüpfen können. Wir beschäftigen uns zur Zeit mit dem Thema „Tiere“, wollen dazu eine Geschichte spielerisch erfinden, die aber über das Thema hinausgeht und unter anderem thematisiert, was es bedeutet, gesellschaftlich eine Minderheit zu sein, was schon die Kleinen jeden Tag in ihrem Umfeld zu spüren bekommen. Als dann letztens Khaled aus Neugier mit in unsere Gruppe kam und sagte, er wohne mit mir und Freunden von Michael zusammen, fragte ein Kind ganz erstaunt „Warum wohnt der mit Juden zusammen?“

Äthiopischer Kindergarten

Eine weitere Gruppe haben wir ungefähr vor einem Monat begonnen. Wir gehen nun regelmäßig in einen Kindergarten, in dem überwiegend Kinder äthiopischer Einwanderer betreut werden.

1985 wurden mit "Operation Mose" 15 000 Juden aus Äthiopien eingeflogen,1991 flog die israelische Regierung in der "Operation Salomo" innerhalb von zwei Tagen 14'087 äthiopische Juden nach Israel ein. Seitdem sind sie zwar Bürger des Staates Israel, mit ihrer afrikanischen Kultur, ihren eigenen Traditionen und auch ihrer eigenen Sprache, Amharisch, sind sie aber noch lange nicht richtig in die Gesellschaft integriert. So leben sie hier in Haifa, ganz hier bei uns in der Nähe, auf engem Platz zusammen, haben ihre eigenen Kulturzentren, eigene Kindergärten und auch Schulen, die welche fast nur äthiopische Kinder eingeschult werden. Immer wieder hört man von gebürtigen Israelis, dass sie in bestimmten Rangordnungen, was Sympathie und Integration betrifft, nach den Russen, aber noch vor den Arabern stehen. Ihr seht, jede Minderheit hat hier ihren Platz und wird mehr oder weniger auch dementsprechend behandelt, wobei hier von Gleichberechtigung keine Rede sein kann.

So haben wir also unsere Gruppe in einem Kindergarten begonnen, in der vor allem 2-3 jährige äthiopische Kinder betreut werden, die kaum, wenn überhaupt aber noch kaum Hebräisch sprechen. Michael und ich haben diese Tatsache deutlich unterschätzt und vor allem auch das Alter der Kinder. Gewöhnt an die lebendige und teilweise schon recht freie Arbeit im Kindergarten in Halissa, müssen wir uns nun auf die Arbeit mit viel jüngeren Kindern einlassen, die Theater vor allem werden über das Nachmachen und Nachahmen begreifen lernen, bevor wir vielleicht in ein paar Monaten eine ähnliche Gruppe wie in Halissa aufgebaut haben werden. Denn auf ein Ziel arbeiten wir mit beiden Gruppen ganz deutlich hin: auf eine Zusammenführung der jüdischen und muslimischen Kinder durch das Theater. Noch ist es eine fixe Idee, wir hoffen aber, sie mit viel Hilfe und Überzeugungskraft im Sommer tatsächlich durchsetzen zu können.

 

Sonstige Projekte

Danielle (aus der anderen Kommune) und ich, werden ab dem kommenden Sonntag beginnen, in einer Schule in der Nachbarschaft, durch die Theaterarbeit Englisch zu unterrichten. Dieser Kurs wird ergänzend zum Schulunterricht angeboten und wir bereiten uns auf einen abwechslungsreichen und spannenden Theaterunterricht vor, der spielerisch an die Anwendung der englischen Sprache heranführen soll.

Des Weiteren planen Or und ich die Fortführung unseres Bemühen für den Aufbau einer äthiopisch-arabischen Frauentheatergruppe. Das Interesse scheint zwar groß zu sein, allerdings sind alle Treffen mit der zuständigen Sozialarbeiterin bisher geplatzt. Wir sind aber optimistisch, dass es uns noch gelingen wird, diese Gruppe zusammen aufzubauen.

Auch mit Or werde ich eventuell eine gemeinsame Arbeit in einem Heim für geietig behinderte Menschen aufnehmen, welches hier in unserer Straße ist. Hierzu sind die Pläne noch sehr unkonkret, wir haben bisher nur angefragt und werden uns in den kommenden Tagen dort vorstellen.

Ansonsten haben wir für den gestrigen „Tubischwat“, den israelischen Feiertag der Natur, eine kleine Performance einstudiert, die leider im wahrsten Sinne des Wortes „ins Wasser fallen“ musste, weil es hier stürmte und regnete.

Für Purim und ein Kinderfest in unserer Nachbarschaft sind weitere kleine Stücke und Aufführungen geplant.

 

 

Ihr Lieben, Ihr seht, es war mal wieder ein rundum voller, ereignisreicher und stellenweise eben auch nicht einfacher Monat, hier, im Heiligen Land.

Wir sind ein winziger Tropfen Wasser auf einem riesigen heißen Stein hier, aber dennoch ist unsere Arbeit hier wichtig, für uns, aber auch für die Menschen mit denen wir arbeiten und die wir zusammen bringen.

Ich grüße Euch von Herzen aus Haifa und verbleibe mit Dank an alle jene, die mich zahlreich und großzügig in meinem Vorhaben unterstützt haben.

Eure Amina

 

 

Ich habe dem Bericht ein Probenbildbild hinzugefügt und ansonsten Bilder von der „Hadi uTami“- Aufführung in Tiv’on. Ein Video von dieser Aufführung – hier: http://www.youtube.com/watch?v=bqGaqYKtw7g

Uri

 

 

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