Ihr Lieben,
Mein Koffer ist
gepackt- morgen steige ich in den Flieger nach Deutschland, der Dezember geht
für mich also seinem Ende entgegen, hier in Haifa zumindest. Zeit, Euch
einen kurzen (den wohl bisher kürzesten)
Überblick über unsere Arbeit
und unser Leben hier in Haifa zu geben, bevor ich bald vielen von Euch
persönlich werde berichten können.
Nun, nach fast vier
Monaten hier, in Israel, habe ich hier ein zweites Zuhause gefunden, in dem
eben auch zuweil einmal der Alltag einkehrt: Und so
lässt sich der Monat Dezember bisher wohl auch besten beschreiben:
nie langweilig, aber dennoch mit einer gewissen
Routine und Ruhe, mit viel Neuem und täglichen Herausforderungen, aber
eben auch mit viel Gewohntem und Alltäglichem. Nach wie vor spielen wir „Hadi we Tami“
dort wohin wir eingeladen werden, wie z.B. am Sonntag
im Kibbutz Dalia, aus dem Renana kommt. Vor vielen Kindern und Erwachsenen haben wir
dort gestern unsere Arbeit präsentiert und viel Anerkennung erfahren
können. Ein schöner Abschied für mich, nochmals geschlossen mit
allen auf der Bühne zu stehen und zusammen Applaus entgegen zu nehmen und
auch zusammen ein wenig Chanukka, das Fest der
Lichter zu feiern.
Applaus
für „Hadi we Tami“
Eine unserer
wichtigsten Beschäftigungen ist zur Zeit die Probe an unserer Collage
für den Frauentag am Mittwoch, an dem ich ja zwar nicht da sein werde,
dennoch aber bei der Gestaltung recht aktiv dabei gewesen bin. Daniel, Hila, Renana und Danielle haben
alle Monologe von Frauen aus Theaterstücken erarbeitet, die wir in Proben
und bei Improvisationen zu einer Szenencollage zusammen gefügt haben.
Vielseitig und lustig, mal traurig, mal dramatisch, mal komisch und mal
wunderschön fügen sich da Worte von verschiedensten Frauen zu einer einzigen Schlussfolgerung zusammen, die Hila in ihrem selbstgeschriebenen Lied am Ende mit einem
Satz zusammenfasst: „Se paschut tov
lehiot ischa“ („Es ist
einfach toll eine Frau zu sein“).
Probe
für den Frauentag
Beschäftigt
sind wir während der Proben mit Uri und Shadi
nun auch wieder mit zwei weiteren Projekten: Zum einem unserer nächsten anstehenden Produktion, zum anderen mit einem Projekt zum
Thema „Hauszerstörung“ das wir in der Form von Forumtheater thematisieren
wollen.
Unsere nächste
Produktion soll fast ausschließlich
Bewegungstheater beinhalten, das heißt, wir wollen die Sprache beiseite
lassen und uns dem Ausdruck über die Bewegung, Körpersprache, Mimik
und Gestik nähern. Wir stehen noch ganz am Anfang, sammeln Ideen und
Anregungen, improvisieren und probieren aus und versuchen bei den gemeinsamen
Proben, schöne, eindrucksvolle und gute Bilder für ein Stück zu
finden. Im nächsten Rundbrief werde ich Euch
wahrscheinlich mehr dazu berichten können.
Forumtheater ist
eine kreative Art Theater zu machen, die sowohl den Schauspieler als auch den
Zuschauer aktiv braucht, um von einer „So-ist-es“-Darstellung
in einer Szene zu einer „So-könnte-es-sein“-Erfahrung
kommt. Es bedeutet, dass man eine Szene probt, möglichst klare
Zustände für einen bestehenden Zustand findet und anschließend
für das Publikum öffnet, d.h. der Zuschauer bleibt als Betrachter
nicht passiv, sondern kann sich gestalterisch einbringen, der Szene andere
Bedeutungen, Charaktere und Lösungen anbieten, die dann auch gemeinsam im
anschließenden „Forum“ diskutiert werden können. Theater wird somit
also zum Mittel, einen Dialog entstehen zu lassen, erst durch das szenische und
spielerische Ausprobieren, dann durch
die gemeinsame Arbeit und Veränderung an der Szene und dann vor allem
durch das Forum, in das jede/r sich einbringen kann und sollte. Endprodukt soll
nach dem Forum dann die Erarbeitung
eines Modells sein, in dem zukünftige Handlungsmöglichkeiten- und
Spielräume erarbeitet und eingearbeitet werden. Denn „den Zuschauern-Mitwirkenden muss klar werden, dass es an ihnen
liegt, die Wirklichkeit zu verändern“ (August Boal).
Unser Forumtheater
wird das Thema „Hauszerstörung“ behandeln, ein Thema das in Israel schon
lange bekannt, viel ignoriert und absolut aktuell, wenn auch nicht neu ist. Nach
Beginn der Vertreibungen der Araber durch die Juden nach dem
Unabhängigkeitskrieg hat die Hauszerstörung ihren Höhepunkt
erreicht, bis heute aber an Aktualität nicht eingebüßt.
Auch hier haben wir erst begonnen und werden die Arbeit dann gemeinsam
im Januar wieder aufnehmen. Dann werde ich Euch etwas
ausführlicher zu diesem Thema und zu unserer Arbeit daran berichten.
Mittlerweile haben alle die Arbeit mit ihren
Gruppen aufgenommen, sehr unterschiedlich, sehr vielseitig, sehr anstrengend,
aber auch sehr schön und abwechslungsreich. Khaled macht eine
Theatergruppe in Halissa mit arabischen Jugendlichen,
Daniel gibt Stimmbildungskurse in der Matnas, Renana und Ahmad haben eine Gruppe mit arabischen und
jüdischen Jugendlichen aufgebaut und Michael und ich arbeiten weiterhin in
Halissa im arabischen Kindergarten, bald auch im
jüdischen Kindergarten, und Or und ich sind
dabei eine Gruppe mit äthiopischen Jugendlichen zu gründen, mit denen
wir die Arbeit an einem
Stück aufnehmen
wollen.
im arabischen Kindergarten
Ihr seht, wir sind
alle mittendrin, im Leben hier in Haifa, wir arbeiten mit den Menschen mit
denen wir eng zusammen leben, wir versuchen uns, wenn auch im Kleinen, im
Miteinander, im Füreinander und somit ein bisschen an der
Völkerverständigung, die nicht nur Haifa ganz gut gebrauchen kann., denn nicht nur hier leben
Äthiopier, Araber, Russen, Juden, Deutschen, Polen und Menschen anderer
Nationalitäten so nah zusammen ohne einander wirklich zu begegnen.
Und jetzt, wenn ich
hier kurz meine Zelte abbreche, um nachhause zurück zu kehren, dann schaue
ich zurück, auf diese vier Monate und weiß, dass ich die richtige
Entscheidung getroffen habe, hier-trotz vieler
Zweifel- gelandet und eingezogen zu sein. Ich habe hier meinen Platz und meine
Aufgaben gefunden, nicht für immer, aber für diese Zeit. Ich habe ein
zweites Zuhause, eine Art zweite Familie gefunden, die Katzen in der
Straße hören auf die Namen die ich ihnen gegeben habe, der arabische
Gemüsehändler an der Ecke kennt meinen Einkaufszettel, die Kinder in
der Straße kennen meinen Namen und erinnern sich abwechselnd als die „Buba“ (Puppe in der Matnas) oder
die böse Stiefmutter an mich, ich weiß wann der Postbote kommt, ich
kann den Busfahrer fragen wo er hinfährt, mit den
Jungs im arabischen Gemeinschaftszentrum Fußball spielen, ohne dass sie
ihre Achtung vor mir verlieren, dem Nachbarskind Maria durchs Fenster zuwinken
und ich kann nachhause kommen, in unsere Kommune und immer jemanden finden, mit
dem ich reden, lachen, weinen, streiten und diskutieren kann.
Ich habe bisher viel
gelernt und kann und will noch viel lernen: Über das Verhältnis von
Juden und Arabern, Juden und Deutschen, Deutschen und Arabern, Mann und Frau,
Nationalität und Identität, Theater und Gesellschaft, hebräisch
und arabisch, hebräisch und deutsch, deutsch und arabisch, Theater und
Politik, schwarz und weiß, groß und klein, stark und schwach,
richtig und falsch, vor allem aber darüber, wie Menschen zusammen leben,
arbeiten und wirksam werden können, aber auch, wie viel Kraft und
Motivation es dazu tagtäglich bedarf und wie wichtig und wertvoll es
dennoch ist.
Ich kann denn nun
auch guten Gewissens für einige Zeit nachhause kommen. Es wird hier auf
mich gewartet. Und das ist ein wirklich schönes Gefühl!
Danke an Euch alle,
dass Ihr mir dies durch Eure Unterstützung möglich gemacht habt!
Ganz im Sinne der
drei anstehenden Feste der drei Weltreligionen (Chanukka,
Adh´a und Weihnachten) wünsche ich Euch Chag sameach, Kul
aam wa antom
be khair und Frohe
Feiertage!
Lasst es Euch gut gehen, bis bald

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