Liebe Freunde!
Mehr als drei
Monate ist es her, seit ich das letzte Mal berichtete. Es wird ein Bericht mit
ein paar … werden, wie immer, auch ein paar !, aber am Schluss werden vor allem
? stehen.
Nach meiner Rückkehr
aus Deutschland (siehe letzter Bericht: http://www.mideastweb.org/nemashim/mai2011.htm)
stürzte ich mich in die Regiearbeit mit den Nemashim und den andern, die in den
beiden Produktionen mitmachten. Die Nemashim, das waren dieses Jahr nur zwei
junge Frauen, Shir und Hila. Zusammen mit Mo’ad und Mayss erweiterten und
erneuerten wir das Stück „Auf dem Tisch der Siedlung“ vom letzten Jahr. Letztes
Jahr nahmen wir den Gesetzesvorschlag zur Regelung der Aufnahmekommissionen
unter die Lupe. (siehe hier und hier) Damals was es
noch ein Entwurf, jetzt wurde dieses skandalöse, rassistische Gesetz am
22.3.2011 angenommen, so wie verschiedene andere Gesetze, wie das Boykottgesetz
und weitere.
Inzwischen bauten
wir unser Stück zu einer Parodie dieses Gesetzes aus, in der Form eines
wortlosen Bewegungsstückes, das die Angst vor dem Andern, die Geldgier, den
Konformdruck und die Kriecherei, alle im israelischen Zusammenhang,
thematisiert. Auf dem Tisch werden die Kandidaten peinlichst untersucht, ob sie
zur Siedlung passen. Aber was genau sind die Kriterien? Wer wird angenommen? Im
Verlauf der Arbeit überlegten wir uns sehr genau, was unsere Aussage sein
sollte. Das ist ein tiefgehender Prozess, genauso, wie wenn es um Theater
ginge, in dem Wörter gesprochen würden. Ob ein Kandidat stinkt, oder sich „die
Richter“ nur einbilden, dass er Kandidat, und in Wahrheit ist es einer der
Richter, der stinkt, das alles fällt schwer ins Gewicht.
Auf dem Weg
verloren wir weitere Schauspieler, wie Khaled, Roman, Mirwat und andere, die
anderweitig beschäftig sind, sodass ich mich selber auf dem Tisch messen und
untersuchen lassen musste. Und ich tat’s mit Vergnügen!
Ein Video (12 Minuten lang)
gibt einen Eindruck von unsrer Aufführung anfangs Juni im Wald zwischen Harduf
und Ka’abiye. Bei der Aufführung am Tag zuvor krachte der Tisch (die
Hauptperson) zusammen, und Mayss verletzte sich am rechten Ellenbogen. Aber wir
führten die Aufführung unbeirrt weiter. Ein Teil des Publikums dachte, dies sei
ein besonders guter Einfall… Jedenfalls musste Mayss am Tag darauf mit
verbundenem Arm auftreten, und wir mussten das Stück ändern. All dies ist im
Video deutlich erkennbar.
In den letzten
Monaten habe ich übrigens zwei oder Dutzend Stunden damit verbracht, fast alle
youtubes mit deutschen, englischen und z.T. weiteren Untertiteln zu bereichern.
Es lohnt sich also, in unserm youtube-Kanal ein bisschen herumzuwühlen, denn
fast alles ist jetzt deutsch untertitelt.
Nach diesen
beiden Aufführungen intensivierten wir die Proben am zweiten Stück, das wir für
das Theaterfestival von Newe Jossef vorbereiteten: „Negative“ von J.C.Oates.
Ein kleines Kammerstück über rassistische Überheblichkeit, wobei die
Verhältnisse auf den Kopf gestellt sind: nicht die Weiße gegenüber der
Schwarzen, sondern: Wie sähe es aus, wenn es umgekehrt wäre? Wenn die Schwarzen
die Elite wären? Wir haben die Situation auf israelische Verhältnisse
adaptiert: eine äthiopische privilegierte Studentin aus der israelischen
Oberschicht nimmt sich liebenswürdigerweise einer schüchternen aschkenasischen
Studentin an, im ersten Jahr ihres gemeinsamen Studiums. Sie ist zwar nett,
aber überheblich, ignorant und voller Vorurteile. Kurz: ein snob. Kann man sich
so etwas vorstellen?
Das Stück ist voll von bekannten Plattitüden, nur halt umgekehrt. Am meisten
lachte das Publikum, als die Äthiopierin die andere betatschte und sich für das
merkwürdige Haar der Weißen interessierte. Am interessantesten fand ich selber
die Umdrehung, als die Äthiopierin die arme Europäerin bemitleidete, die aus
einem kulturlosen Kontinent kommt, wo sich die Menschen gegenseitig auf die
barbarischste Art und Weise niedermetzeln.

Die Arbeit mit
der 17-jährigen Manalush, die Äthioperin, die nur wenige Meter von den beiden
Shir und Hila entfernt wohnt, war interessant und bereichernd, so wie die
Arbeit mit Mayss aus Daliat al-Karmel und Mo’ad aus Schfa-Amru. Alle diese
gehören zu demselben „äußeren Kreis“, das Prinzip, das ich im Buch „Nemashim“
beschreibe, und nicht in der Kommune selber wohnen, wie Shir und Hila.
Nach dem
alljährlichen Theaterfestival in Newe Jossef, das ich 2005 gründete und jetzt
schon zum siebten Mal stattfand, war die Arbeit mit der Kommune beendet, und
ich konnte mich den schwierigen, tieferen Problemen widmen.
Ich hatte
gedacht, dass ich mit dem neuen Team das Projekt wieder auf die Beine stellen
könne. Aber es war derselbe Verein, und eigentlich hatte sich nicht viel
geändert. Nach fünf Monaten, nachdem ich im Januar wieder eingestiegen war, kam
ich zum Schluss, dass es nicht geht. Ich werde das Projekt wieder auf die Beine
stellen, aber nicht mit diesem Verein. Leider stellte sich heraus, dass die
Versprechungen, die mir gegeben wurden, nicht erfüllt wurden. Aber wir einigten
uns, dass das Projekt NEMASHIM in Zukunft unter meiner Leitung und nicht mit
diesem Verein weiterlaufen wird. Und jetzt muss ich wieder von vorne beginnen.
Eine traurige Nachricht
ereilte uns in diesem Sommer: Ami Isserof ist gestorben, nach einem
lebenslangen Kampf gegen die Herzkrankheit, mit der er geboren wurde. Ich habe
nie von ihm erzählt, denn er gehört zum Projekt NEMASHIM, aber seit 2005
erscheinen unsere Berichte auf der Plattform www.mideast.org,
nachdem er mich dazu eingeladen hatte. Seit vielen Jahren arbeitete Ami an
dieser Plattform, auch PCI haben dort ihr Zuhause, und obschon ich politisch
nicht mit Ami einverstanden war, habe ich sein Engagement und seinen ganz
persönlichen Kampf immer sehr geschätzt. Hier mehr über ihn:
http://www.mideastweb.org/log/archives/00000791.htm
Am letzten Tag des Festivals
in Newe Jossef stellte eine junge Frau ein Zelt in der Rothshildallee auf, was
dann später zur "Protestbewegung des 14. Juli" wurde. In den letzten
Wochen erschüttert die israelische Gesellschaft ein Erdbeben von nie da
gewesener Stärke. Genauso wie ich noch nicht weiss, wie alles mit diesem
Projekt weitergeht, wissen wir nicht, wie es mit dieser Gesellschaft
weitergeht. Letzte Woche fragte mich ein Reporter von der Luzerner Zeitung NLZ:
„Denken Sie, die israelische Regierung kann die Anerkennung des
palästinensischen Staates in der UNO durch diplomatische Schritte verhindern?“
Und ich antwortete: Ich weiß nicht, ob es die jetzige Regierung im September
noch geben wird. Auf jeden Fall hat sie schon längst bewiesen, dass sie völlig
unfähig ist. Unfähig, etwas zu tun, unfähig, etwas zu verhindern.
Die Bewegung, die
Hunderttausende schon auf die Strasse brachte, allerdings, ist sehr wohl fähig,
etwas zu bewirken. Auch Haifa, die Stadt, in der unser Projekt ist, erlebte die
größte Demonstration seit eh und je. Es gibt verschiedene Zeltsiedlungen in der
Stadt. Ich selbst habe mein Zelt in Tiv'on aufgeschlagen, wo ich selber wohne.
Der ganze Nahe Osten erlebt
eine Zeit einer großen Hoffnung, eine Zeit, in der es endlich wieder möglich
ist, etwas Neues zu erträumen. Die alten Slogans von 1968 erscheinen wieder,
aber diesmal nicht in Paris, sondern in Kairo, in Tunis, in Tel-Aviv, in
Damaskus:
Seid realistisch, verlangt
das Unmögliche!
Ab heute: 2 und 2 sind nicht
mehr 4!
Alle Macht der
Vorstellungskraft!
Doch die beiden Slogans, die
alle Demonstrationen beherrschen, von Hunderttausenden wieder und wieder und
immer wieder skandiert werden:
Das Volk verlangt soziale
Gerechtigkeit!
Die Antwort auf
Privatisierung: Re-vo-lu-tion!
Bis jetzt verlief der
Protest mit einer enormen Energie, aber sehr friedlich, von verschiedenen
Seiten werden wir aufgefordert, gewalttätiger oder parteipolitischer zu werden.
Interessanterweise kommen solche Ejzes vor allem von Leuten, die vorbeikommen, aber
nicht wirklich mitmachen. Ohne Zweifel wird die größte Prüfung im September
kommen. Unsere liebe Regierung hat uns noch vor dieser Protestwelle einen neuen
hübschen Krieg vorbereitet, und jetzt werden sie noch viel mehr einen solchen
Krieg brauchen. So denken sie jedenfalls. Werden alle die Zigtausenden die
Zelte verlassen, um gegen andere Protestierende zu schießen?
Ich könnte noch stundenlang
von diesem einmaligen Sommer erzählen, all die Demonstrationen, die Zeltlager,
die persönlichen Gespräche, die politischen Analysen und Prognosen und
natürlich alles, was auf dem Internet abläuft.
Der Trägerverein, der unser
Projekt ab sofort unterstützen wird, ist das Gemeindezentrum Newe Jossef,
genauer gesagt seine Filiale in Halissa.
Das Spendenkonto in Lüneburg existiert noch wie vorher:
Spendenkonto:
Kto.-Nr.: 300 80
BLZ: 240 501 10
Sparkasse Lüneburg
Stichwort: NEMASHIM
Erste Spenden sind dort
schon eingegangen. Wir freuen uns über jede Spende. In den nächsten Wochen
werden wir mit aller Kraft den nächsten Workshop vorbereiten. Dieser wird im
September beginnen, oder spätestens im November. Momentan ist noch Ramadan, und
– wie gesagt – was heute in Israel geschieht – da weiß niemand, wie es morgen
aussieht. Aber bestimmt werden Projekte wie unseres Unterstützung brauchen.
Und wer mein Bauch noch
nicht gelesen hat:
http://aphorisma.de/catalog/nemashim-p-6193.html
Bis auf Weiteres!
Uri