Arabisch-Hebräische Theatergemeinschaft

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Liebe Freunde!

 

Der diesjährige NEMASHIM-Workshop ist zu Ende. Ich werde in diesem Bericht die beiden letzten Wochenenden beschreiben, und zum Schluss möchte ich auch auf meine Lesereise in der Schweiz und in Deutschland hinweisen.

 

Doch zu Beginn möchte ich erklären, warum ich überhaupt bereit bin, die Arbeit wieder aufzunehmen, nach drei Jahren von schmerzendem Unterbruch.

Ich trennte mich vor drei Jahren von meinem Projekt, weil es falsch war. Aber ich denke immer noch, dass es richtig gemacht werden kann. Und wir arbeiten jetzt daran, langsam alles so aufzubauen, damit es richtig geht. Das geht nicht so schnell, und darum kann ich in diesem Bericht über die letzten beiden Wochenenden nicht verheimlichen, dass die Zusammensetzung der Gruppe nicht optimal ist. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mit dem neuen Team das nächste Jahr richtig beginnen kann.

 

Wie in der letzten Zeit üblich, machten wir das Wochenende wieder in Ness-Amim. Das Hauptproblem an diesem Ort ist die schreckliche Akustik der grossen Halle, aber da dieses christliche Dorf uns finanziell hilft, können wir schlecht auf diese Option verzichten.

Eine der ersten Übungen am Wochenende im März war "Erkennst du den Hut?"

Ein Wort zu unserm youtube-Kanal: Seit wenigen Wochen gibt es eine neue Möglichkeit in Youtube: Filme mit Untertiteln. Ich habe inzwischen mehr als zwanzig deutsche Untertitel geschrieben. Ein Film mit Untertitlen ist mit einem cc gezeichnet.

 

Im Workshop spielten die TeilnehmerInnen dann Szenen aus Stücken, die sie zu Hause eingeübt hatten. Rotem und Sonja spielten eine Szene aus der "Palästinenserin" von Sobol, und Sonja fragte Rotem (als Samira): "Warum machst du in diesem Film mit?", und er antwortete: "Ja, siehst du... nur schon die Auseinandersetzung mit dem Thema... Juden, Araber... das ist ein Thema, von dem unsere ganze Zukunft abhängt..."

Es knisterte, denn die Frage und die nichtssagende Antwort beziehen sich ursprünglich auf den Film, die die Schauspieler im Stück machen, aber natürlich stand die Frage im ganzen Raum, nicht nur auf der Seite der Bühne. Der Theaterraum ist ein ganzer Raum, und zwischen Bühne und Zuschauerraum gibt es keine wirkliche Trennung. Was ist also die Bedeutung dieses Wochenendes? Was machen wir hier zusammen? "nur schon", dass wir etwas zusammen machen?

Das kann es ja wohl nicht sein!

Fares und Schir spielten eine Szene aus dem gleichen Stück, in der Fahd in der Rolle von Adnan etwas improvisiert, und deswegen ließ ich die beiden auch danach tatsächlich improvisieren. Sie waren, ohne dass sie an den gelernten Text gebunden waren, viel echter und lebendiger. Schir war verzweifelt und schrie: "Ich möchte nicht Muslimin sein, und nicht Jüdin und nicht Christin. Ich möchte ein Mensch sein!" Darauf antwortete ihr Fares ganz einfach: "Du kannst aber nicht einfach nur "ein Mensch" ein."

 

 

Am Samstag beschäftigten wir uns mit Masken. Dazu drei Videobeispiele:

http://www.youtube.com/watch?v=yFvcrZlhVgM

http://www.youtube.com/watch?v=kRzqi0kebyc

http://www.youtube.com/watch?v=On8u5ng4PXQ

 

Anfangs dieses Monats erschütterte uns die Nachricht von Juliano Mer-Chamis' Ermordung. Auch wer ihn nicht gekannt hatte, versteht die schlimme Bedeutung seiner Ermordung. Irgendwie geht es nicht in den Kopf! Er hat sein Leben den unterdrückten PaltinenserInnen gewidmet, und jetzt ...

Es ist tatsächlich ein Rätsel, aber drei Dinge sind ganz klar:

·        Sein Tod hilft den Unterdrückern, die da sind: das israelische Militärregime, die Palästinensische Autnomiebehörde und die Islamisten.

·        Seine Ermordung und die Art seiner Ermordung, und die Tatsache, dass niemand dafür Verantwortung übernimmt, ist eine feige Tat, und Juliano war mutig, und wir sind es auch, allerdings weniger als er. Jetzt werden wir vielleicht mutiger sein, aber bestimmt nicht so feig wie der Mörder und die, die ihn schickten!

·        Seine Ermordung beweist auf grausame Weise, dass Theater wichtig und bedeutend sein kann. Eine Tatsache, die akademisch so schwierig nachzuweisen ist, wurde hier auf schreckliche Art bewiesen. Vielleicht ist es für den satten Bürger nicht mehr bedeutend, was nur noch ein weiterer Grund wäre, kein Theater mehr für satte Bürger zu machen.

 

Vor wenigen Tagen beendeten wir das letzte Treffen dieses Workshops. Unter anderem bewegten wir uns viel, lernten ein wenig Contact Improvisation. Hier ein kleines Videobeispiel einer Vorübung dazu: http://www.youtube.com/watch?v=jzw_Mzr0qBU

 

Einen andern Teil des Wochenendes widmeten wir dem Erlernen der Kunst der Improvisation. Die vorletzte Improvisation begann mit Fares, der in einer arabischen Zeitschrift Nachrufe über Juliano Mer liest. Tirsa kam rein und begann, ihm in einem gebrochenen hebräisch zu erklären, dass sie Juliano sucht, weil sie mit ihm abgemacht habe. Sie war offenbar eine Amerikanerin oder Deutsche, und Fares verstand sie nicht. Mit Tirsas Wortkunst verstand sie, eine derartige Verwirrung zu schaffen ("Ich – Agenten zu ihm schicken"... "Er – mein Spielzeug sein"), dass Fares sie schliesslich des Mordes verdächtigte. Eine höchst makabre Szene.

Die letzte Übung war eine Improvisation, an der alle teilnahmen. Ich erklärte die Situation: Ihr seid Schauspieler, und ihr sollt in zwei Tagen ein gewagtes Stück auf die Bühne bringen. Es erreichte das Theater und den Regisseur schon Morddrohungen, und nun ist euer Regisseur ermordet worden. Was macht ihr?

Niemand musste aussprechen, worum es geht, besonders, da diese Übung direkt nach der vorherigen Szene kam. Fares und Eres stellten sich auf die beiden Pole: Fares stand sofort auf, um ein Durchlauf des Stückes zu organisieren, aber Eres war auf keinen Fall bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Fares versuchte, die anderen davon zu überzeugen, dass der Mord gar nichts damit zu tun hatte, dass er vielleicht wegen einer ganz andern Sache ermordet wurde, aber keiner glaubte ihm. Tirsa und Juwal weinten immerfort, Rotem und Schir waren lange Minuten lang einfach schockiert.

 

War diese Szene für diese jungen SchauspielerInnen relevant, abgesehen vom Übungszweck? Wollten wir ihnen damit sagen, dass sie im Kommunenleben im nächsten Jahr in den Armenvierteln von Ost-Haifa ihr Leben riskieren?

Natürlich nicht. Auch wenn die Kommune in einem sehr schwierigen Quartier, Halissa, wohnt, das einen problematischen Namen hat, so glaube ich nicht, dass es tatsächlich gefährlich ist. Aber die Szene war anders herum relevant:

Während der Szene schlug Rotem vor, das Stück während der Beerdigung aufzuführen. "Im Friedhof spielt man nicht Theater!" sagte Schir. Ich weiss nicht, ob Schir dies absichtlich tat, jedenfalls zitierte sie damit "Ghetto" von Sobol.

Und ich glaube tatsächlich, dass es hier eine Verbindung gibt: Theater muss nicht (nur) eine ablenkende Vergnügung sein, es kann auch zum Gegenstand einer tiefgehenden Auseindersetzung werden, und darum geht es uns. Und deshalb war diese improvisierte Szene gut und wichtig, nicht nur als Übung, und nicht nur als Hommage an Juliano Mer!

 

 

 

 

 

Bilder zu diesem Wochenende: http://www.flickr.com/photos/9370585@N07/sets/72157626518817438/ 

Zum Schluss nahmen wir uns viel Zeit, um die fünf Wochenende zusammenzufassen und wiederzugeben, wie jedeR es erlebt hat. Alle betonten, wie professionell der Workshop sei, und wieviel er oder sie im Bereich des Theaters dazugelernt hat. Einigen veränderte der Workshop auch die politische Perspektive und Ansichten zum Leben und zu sich selber.

 

Die beiden hebräischen Seiten zu diesem Bericht:

http://www.mideastweb.org/nemashim/3-2011.htm

http://www.mideastweb.org/nemashim/chamssin-4-2011.htm

 

Nun möchte ich zum Schluss noch auf meine Lesereise in der Schweiz und in Deutschland aufmerksam machen, die bald startet:

Ich habe ein Buch geschrieben, das die ersten sechs Jahre von NEMASHIM (2002-2008) beschreibt. Es ist im AphorismA-Verlag in Berlin herausgekommen (http://aphorisma.de/catalog/nemashim-p-6193.html), und am 27. 4. beginnt eine Lesereise in Bern, die dann am 7. Mai in Berlin ihr Ende haben wird:

http://www.mideastweb.org/nemashim/lesereise2011.htm

Das Buch gibt einen Tiefenblick zum Projekt, zum sozialen Umfeld in Haifa, zur politischen Situation, zu den ideologischen Auseinandersetzungen, den technischen Schwierigkeiten, den finanziellen Sorgen, den verschiedenen Konflikten, die pädagogische Methode, die theatralisch-künstlerischen Errungenschaften und auch die psychischen Schmerzen.

Auch wer also nicht an eine der Lesungen kommen kann, ist hiermit herzlichst eingeladen, das Buch bei AphorismA zu bestellen!

 

Bis bald in Europa!

 

 

 

 

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